Neues Album von Bilderbuch: Zusehen, „wie mein Wertesystem niedergetrampelt wird“

Kultur

„Rauszugehen und Musik zu machen, anstatt sich zu Hause auszuheulen, wie schlimm das alles ist, war das Beste, was wir machen konnten.“ Wenn Bilderbuch-Frontmann Maurice Ernst vom Rausgehen spricht, meint er nach Uruguay. Er meint die Krise im Frühjahr, als Gitarrist Michael Krammer seinen Ausstieg aus der Band nach 17 Jahren bekannt gab. Das hatte sich zwar angebahnt, kam aber – nur kurz, nachdem Bilderbuch mit Krammer das Freitag erscheinende Album „∞+1“ fertig aufgenommen hatten – wie ein Schlag.

„Nach der ,Gelb ist das Feld‘-Platte hat unser Schlagzeuger Philipp ein Baby erwartet“, erzählt Ernst. „Wir wollten, bevor er in die Babypause geht, noch einen Monat ins Studio, damit die Pause nicht zu lange wird. Schon da hat Mike gesagt, er würde lieber gleich Pause machen und war bei den Aufnahmen zur ,Soft-Power‘-EP nicht dabei. Dann hat er sich live aber wieder integriert, gesagt, es fühlt sich an, als wären die Soft-Power-Songs auch seine. Wir dachten, toll, der Bandspirit ist stark genug, um so etwas abzufangen. Dann haben wir ,∞+1‘ aufgenommen. Aber zwei Tage vor dem Videodreh zu ersten Single ,Irgendwo‘ rief Mike mich an und sagte, dass er aussteigt.“

Deshalb fand die erste Studiosession ohne Krammer in Uruguay statt – nicht weit von dort, wo Krammer jetzt mit seiner Frau wohnt und sich ein neues Leben aufbaut. Das Studio war auf Krammers Empfehlung schon vorher gebucht gewesen, um sich nach der „chaotischen, aber sehr positiven“ Produktion von „∞+1“ ohne Ziel und Aufgabe frei zu spielen: „Innerhalb von ein paar Tagen mussten wir, die Verbliebenen, entscheiden, ob wir das absagen. Aber dass wir doch dort waren und gemeinsam durch diese Zeit gegangen sind, war wunderbares Teambuilding in neuer Konstellation.“

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Wieder in Wien war klar: Die Einzige, die in Krammers Fußstapfen treten kann, ist Uche Yara, eine Linzerin, die in Berlin lebt. „Da ging es nicht nur darum, wie sie spielen kann, sondern um die Bühnenpersönlichkeit, die zu uns passen musste. Und sie ist ein großer Bilderbuch-Fan und versteht, was wir machen. Dass sie zugesagt hat, war Glück im Unglück.“

Schon im August stellten Bilderbuch Yara, die gerade ihr hervorragendes Solo-Album „Bodyscanner“ veröffentlicht hat, bei Konzerten im Wiener Flex vor.

Bei „∞+1“ steht jeder Song für sich und bildet einen Aspekt der widersprüchlichen, verwirrenden Welt am Scheidepunkt ab. „Ich habe in den letzten Jahren und in diesen Songs viel über Entmenschlichung nachgedacht, denn der Mensch ist dabei so menschlich“, erklärt Ernst. „Den Hang zum Destruktiven hatte er immer schon, egal ob die Kriegsgeräte Speere oder digitale KI-Waffen sind. Aber die Umwälzungen, die wir mit KI erleben, wo die Entmenschlichung durch den Menschen vorangetrieben wird, ist eines der interessantesten Phänomene unserer Zeit. Ich frage mich manchmal, warum ich acht Jahre in ein Gymnasium gegangen bin, und jetzt zusehen muss, wie mein humanistisches und linkes Wertesystem niedergetrampelt wird. Dann denke ich: Ich habe mich doch dafür angemeldet, das zu vertreten, und jetzt muss ich zusehen, wie Opportunisten das System austricksen?“

Der Albumtitel – ausgesprochen „Unendlich plus 1“ – steht dabei für die Verheißung der Unendlichkeit, das Versprechen, dass alles möglich …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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