Die-Ärzte-Frontmann Farin Urlaub: „Dann haben wir als Gesellschaft versagt“

Kultur

Auf Reisen hat Farin Urlaub sein heute erschienenes Solo-Album „Ein Lächeln im Gesicht“ aufgenommen – weil der Frontmann Der Ärzte eigentlich kein Album machen wollte, aber unterwegs viele Ideen für Songs hatte. Bevor der als Jan Vetter geborene begeisterte Weltenbummler mit seiner „Redetour“ am 15. 9. im Grazer Orpheum und am 17. 9. im Wiener Volkstheater auftritt, erzählt er im KURIER-Interview, warum er sich die brisanten politischen Botschaften für Ärzte-Alben aufspart, wo die Gesellschaft vielleicht schon vor Jahren falsch abgebogen ist und wie es mit Die Ärzte weitergeht.

KURIER: Wie hat die Entstehung auf Reisen die Songs von „Ein Lächeln im Gesicht“ beeinflusst?

Farin Urlaub: Es war ein sehr entspanntes Arbeiten. Ich habe mich nicht wie sonst drei Monate zu Hause im Studio eingeschlossen, sondern mal intensiv zehn Tage daran gearbeitet, dann wieder zwei Monate gar nicht. Ich muss das nicht mehr machen, um davon leben zu können, und das war befreiend. Ich konnte, wann ich wollte, machen, was immer mir Spaß gemacht hat. Weil ich oft in fremden Wohnungen aufgenommen habe und nicht immer eine Gitarre zur Hand hatte, sind viele Synthesizer drauf. Dadurch ist es aber kein schlüssiges Album geworden, die Lieder sind stilistisch weit verstreut, gehen von der lateinamerikanischen Cumbia bis Rock.

In „Happy 2bD“ prangern Sie den Zustand Deutschlands an. Trotzdem haben Sie mir gesagt, dass Sie nach ausgedehnten Reisen oft froh sind, wieder nach Deutschland zurückkommen zu können. Ist der Song deshalb nicht nur ironisch?

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Zum großen Teil schon. Wenn ich aus gewissen Gegenden in der Welt zurückkomme, bin ich froh, dass in Deutschland noch so viel funktioniert. Ich war heute früh im Supermarkt, konnte zu Fuß hingehen und niemand hat mich überfallen. Ich konnte auch genau das kaufen, was ich wollte. Das ist nicht überall so selbstverständlich, wie bei uns. Andererseits beobachte ich, wie Deutschland langsam abrutscht. Nur ein Beispiel: Unser Bahnsystem ist eine Katastrophe. Das sieht man deutlicher, wenn man für längere Zeit im Ausland war. Wir hatten in 80er- und 90er-Jahren diese Arroganz zu sagen, in Spanien, Italien und Frankreich wird immer gestreikt, das passiert bei uns nicht. Aber dann bist du heutzutage in Italien, und die Züge sind pünktlich und sauber. Und die neuen Hochgeschwindigkeitszüge in Spanien sind schneller und bequemer als unsere. Die Arroganz ist immer noch da, aber sie fußt auf immer weniger. Ich bin kein Politikwissenschafter, also muss ich das in drei Minuten so böse formulieren

Bei „Kein Pardon“ kritisieren sie die Mobbing-Kultur.

Genau! Ich kann heute jeden auf der Welt, der etwas macht, was mir nicht gefällt, über die Sozialen Medien total fertigmachen. Ich kann ihn als unbedarften Vollidioten hinstellen, und Leute, die den Sachverhalt gar nicht kennen, werden mir beipflichten. Dieses mittelalterliche Denken, dass wir Leute mit Mistgabeln aus den Häusern zerren, um sie zu steinigen, gefällt mir gar nicht. Ich selbst finde in den Sozialen Medien nicht statt. Mich kann man nicht erreichen, wenn man mich ärgern will. Aber ich kriege bei anderen mit, wie extrem verwundbar und verzweifelt sie dann sind. Und selbst wenn sie versuchen, vernünftig zu antworten, geht …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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