
Die Unfallanästhesistin fiel mir schon auf, als ich noch bildungspolitische Artikel im Standard verfasste: Andrea Kdolsky ging als Hochschulgewerkschafterin 2002 gegen die Universitätsreform der damaligen ÖVP-Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer auf die Barrikaden. Energisch stöckelte sie mit ihren markanten High Heels ins Ministerium, war forsch und laut. Kurz gefasst: Kdolsky war eine Wucht – und ich durfte sie als Journalistin mehr als 20 Jahre beobachten, manchmal auch begleiten.
Als die extrovertierte Unfall-Anästhesistin 2007 quasi als „bunter Vogel“ zur ÖVP-Gesundheits- und Familienministerin im Kabinett von Alfred Gusenbauer wurde, hielten manche schwarze Parteikollegen die Luft an – und wurden nicht „enttäuscht“. Eine rauchende Ministerin, die nichts dagegen hatte, dass man ab und zu einen Schweinsbraten genoss, und die sich in ihrer Regierungszeit auch noch scheiden ließ, um eine neue Partnerschaft mit einem jüngeren Mann einzugehen: Das war damals schon einigermaßen unerhört. Kdolsky tanzte Csardas auf einer Krebshilfebühne und publizierte später witzigerweise sogar ein Schweinsbratenbuch, blieb von den Shitstorms, die sie zeitweise erntete, aber nicht unberührt, wie sie mir schon damals gestand. Die von ihr angestoßene Gesundheitsreform scheiterte am Koalitionsstreit. 2008 verließ sie die politische Bühne und wurde Krankenhausmanagerin, später arbeitete sie wieder als Medizinerin. 2023 trat Kdolsky aus Protest gegen die schwarz-blaue Koalition in Niederösterreich aus der ÖVP aus und schloss sich den Neos an, für die sie 2024 das Gesundheitskapitel im Regierungsprogramm verhandelte.
Im August 2024 erhielt die Medizinerin – als Zufallsbefund – eine Darmkrebsdiagnose. „Ein Schock“, wie sie sagte, aber wie immer ging sie offen damit um, diesmal in den Sozialen Medien. Das änderte sich auch nicht, als ein Gehirntumor dazukam. Zum Interview in den KURIER erschien Kdolsky mit der Hündin ihres Ex-Lebensgefährten Philipp Ita, dem sie auch als „glücklicher Single“ bis zu ihrem Tod freundschaftlich verbunden geblieben war. Sie kam haarlos wegen der Chemotherapie und sprach Klartext über ihre Erkrankung: wie immer unkonventionell und schonungslos auch gegenüber sich selbst. Ein Lebensziel hatte sie sich noch gesetzt: ein Krebsbuch zu schreiben. Mit ihrem starken Willen schaffte sie auch das noch.
Und das waren meine Lieblingszitate aus unserem gemeinsamen Interview:
Andrea Kdolsky über:
…worauf man als Krebspatientin fokussiert ist:
Man will nichts anderes, als diesen Fremdkörper im Körper bekämpfen.
…was nun ihre „Mission“ ist:
Ich versuche, Mut zu machen und auch Dinge zu erklären. Sehr oft gehen ja Patientinnen und Patienten aus einer ärztlichen Besprechung hinaus und wissen noch immer nicht, was sie haben. Ja natürlich habe ich schon ein Wochenende durchgeheult. Und wenn mir da jemand gesagt hätte: „Soll ich dich erwürgen“, hätte ich „Ja bitte“ gesagt. Man hat extreme Ups and Downs. Da ist es wichtig, Ziele zu haben und sich an das Positive zu erinnern.
…wie die Umgebung auf so eine Diagnose reagiert:
Ganz wenige Leute können mit dem Krebs umgehen. Die einen reden mit dir, als ob du morgen sterben würdest. Die anderen ziehen sich ganz zurück. Die Dritten weisen darauf hin, dass sie auch eine Verkühlung haben, also auch krank sind. Laut Studien ist 2050 jeder zweite Österreicher von Krebs betroffen. Die Umwelt wird also damit umgehen lernen müssen. Der Krebskranke will ganz normal behandelt und nicht in …read more
Source:: Kurier.at – Politik



