Filmkritik zu „Corpus Delicti“ – nach dem Bestseller von Juli Zeh

Kultur

Von Gabriele Flossmann

Der neue Film von Lena Stahl bietet eine Auseinandersetzung mit den Stabilisatoren unserer Gesellschaft: Sicherheit und Gerechtigkeit. Und vor allem: eine Rundum-Gesundheit. Diese verspricht schon in naher Zukunft ein System namens „Die Methode“, das den Alltag der Menschen überwacht. Ihre Ernährung, die tägliche Anzahl der Schritte, jede Bewegung. Kurzum: die ganze Lebensführung bis ins Detail.

Der dystopische Thriller mit Science-Fiction-Elementen basiert auf dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh aus dem Jahr 2009. Darin befasste sich die Bestseller-Autorin mit neuen Formen von Diktatur. Sie schrieb sich darin ihr Gräuel vor einem computerbasierten und algorithmischen Kalkül von der Seele, von dem unser aller Existenz zunehmend manipuliert wird. Vor der Macht eines „Systems“, in dem das gesundheitliche Wohlergehen der Bürger absolut gesetzt wird. Mit dem kleinen Nachteil, dass dafür deren Freiheitsrechte drastisch eingeschränkt werden.

Im Roman wie im Film soll die Gesellschaft vor einer Politik gewarnt werden, die unter dem Vorwand, „nur das Beste für das Volk“ auf dem Radar zu haben, keine Zweifel erlaubt. Im Mittelpunkt der Aufarbeitung dieses brisanten Themas steht die Wissenschaftlerin Mia Holl. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, erkundigt sich eine fürsorgliche Stimme aus dem Lautsprecher nach ihrem Wohlbefinden. Ein nach ihren physischen und psychischen Werten maßgeschneidertes System sucht ihre Lieblingsmusik zur Entspannung aus und erinnert sie freundlich an bevorstehende Untersuchungen und Blutwerte. Die Wohnung wird per Chip geöffnet. Drinnen wirkt alles klinisch sauber. Ein paar Kinder spielen in dem nicht minder steril wirkenden Treppenhaus „Erkältung“ und tun so, als würden sie niesen. Sie spielen das „Kranksein“, von dem ihnen offenbar die Großeltern erzählt haben. Denn in der Gesellschaft von „Corpus Delicti“ gibt es keine Erkältungen mehr. Alle Krankheiten sind ausgemerzt. Alles im Leben von Mia erscheint also bestens zu laufen – bis ihr Bruder Moritz beschuldigt wird, einen Mord begangen zu haben. Trotz vorliegender Beweise glaubt sie fest an seine Unschuld. Bewaffnet mit dieser Überzeugung kämpft sie gegen das System, das jeglichen Widerstand unterdrückt. Damit gerät sie zunehmend selbst ins Visier des Staates.

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An Mias Seite stehen der Anwalt ihres Bruders und die Journalistin Christiane. Der Film ist wie ein Thriller inszeniert, in dem die Suche der Protagonistin nach der Wahrheit die Handlung vorantreibt. Während in der literarischen Vorlage die Verhaftung und Verurteilung von Moritz bereits auf den ersten Seiten als vergangenes Geschehnis abgehakt wird, wird mit seinem noch ungewissen Schicksal im Film die nötige Spannung erzeugt. Ein weiterer Journalist namens Kramer bleibt dagegen – trotz der charismatischen Ausstrahlung seines Darstellers Alexander Fehling – eher beiläufig und auf seltsame Weise außerhalb des Geschehens. Mias Beziehung zu ihm wird – anders als im Buch – sexualisiert. Damit soll offenbar der sterilen Welt, in der der Film spielt, so etwas wie eine erotische Note hinzugefügt werden. Die Fragen nach Überwachung, Gesundheitspolitik und individueller Freiheit, die im Film verhandelt werden, sind seit dem Erscheinen des Romans von Juli Zeh durch die jüngsten Entwicklungen der KI noch aktueller geworden. Der Film wirkt dadurch noch beklemmender als die Lektüre des Romans. Aufgrund der durchwegs überzeugenden Darsteller und auch weil das dystopische Überwachungssystem, von dem …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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