
Aus Paris berichtet Simone Weiler
Lauter HipHop dröhnt vor dem Eingang des Lycées Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil. Überlagert werden sie von der Stimme eines jungen Mannes, der in ein Mikrofon spricht. Als er merkt, dass die Aufmerksamkeit seiner Kameradinnen und Kameraden um ihn herum sinkt, versucht er, die Stimmung wieder anzuheizen. „Hey Leute, wir brauchen euch, wir brauchen eure Mobilisierung, wir brauchen eure Power!“, ruft er.
Die dutzenden Jugendlichen, die sich kreisförmig um den Eingang aufgestellt haben, lassen sich bereitwillig von ihm mitreißen. Sie beginnen zu tanzen, zu jubeln und zu klatschen.
Das Gymnasium in dem Vorort im Südosten von Paris war das erste in Frankreich, dessen Schülerinnen und Schüler Mitte September gemeinsam mit ihren Lehrkräften aus Protest gegen die schwierigen Lernbedingungen das Gebäude blockierten. Wenige Tage später kam es in hunderten weiteren Bildungseinrichtungen im ganzen Land zu Streiks und Demonstrationen. Eine soziale Bewegung war geboren.
300.000 Menschen auf der Straße
An einem ersten nationalen Protesttag vor einer Woche gingen laut der Gewerkschaft CGT insgesamt 300.000 Menschen, darunter überwiegend Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, auf die Straße. Inzwischen blockieren auch zahlreiche Studierende ihre Universitäten. Die Forderungen sind überall ähnlich und auch vor der Schule in Créteil zu hören. „Wir wollen mehr finanzielle Mittel, wir wollen respektiert werden“, ruft der junge Protestanführer in sein Mikrofon. Ein paar Meter entfernt stehen zwei Polizisten und beobachten die Demonstration.
Gewaltsame Zusammenstöße im ganzen Land
Andernorts in Frankreich blieb die Stimmung an diesem Dienstag, an dem mehrere Gewerkschaften zu neuerlichen landesweiten Protesten aufgerufen hatten, nicht so entspannt. Zigtausende schlossen sich den Demonstrationszügen an. Erneut kam es unter anderem in Marseille, Toulouse und Lyon zu gewaltsamen Zusammenstößen junger Leute mit Ordnungskräften. Protestler zündeten Mülltonnen und Fahrzeuge an oder bauten Barrikaden auf. Die Polizei wiederum setzte Tränengas ein, jagte teils Jugendliche, um sie festzunehmen.
Diese drastischen Gewaltszenen verschaffen der Bewegung eine große Aufmerksamkeit. Seit Beginn der Proteste vor gut einer Woche wurden mehr als 600 Menschen verhaftet, über 715 Polizisten und Gendarmen, 85 Lehrkräfte sowie mindestens 215 Jugendliche verletzt. Besonders bewegt viele das Schicksal eines 15-Jährigen aus Lens bei Lille, dem am Montag durch eine Polizeigranate die linke Hand abgerissen wurde. Laut der zuständigen Staatsanwaltschaft konnte noch nicht festgestellt werden, ob der Jugendliche eine bereits geworfene Granate aufgehoben hatte, die dann in seiner Hand explodierte, oder ob die Polizei sie auf ihn warf.
Erinnerungen an 1968 – und die Studentenproteste
Immer wieder fallen Vergleiche mit den Studentenprotesten im Mai 1968. Die Zahl der Festnahmen sei jetzt schon größer als damals, betonte der Linkspolitiker und Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon: „Die polizeiliche Gewaltspirale ist außer Kontrolle geraten.“
Die brutale Gewalt der Sicherheitskräfte gegen Kinder und Jugendliche sei inakzeptabel, sagt auch Antoine, Philosophie-Lehrer am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry.
Mit zwei Kolleginnen hat er sich unter die Streikenden gemischt. „Die jungen Leute wollen anständige Unterrichtsbedingungen und die einzige Antwort der Regierung besteht darin, die Polizei mit Schlagstöcken, Granaten und Gummigeschossen zu schicken“, klagt er. Hier in Créteil laufe alles ruhig ab, aber über eine gewaltfreie Protestaktion werde ja kaum gesprochen. „Es muss erst zu einer Konfrontation kommen, damit sich etwas bewegt.“ An seiner Schule fehle es bislang an …read more
Source:: Kurier.at – Politik



