
Zu teures System, bei zu wenig Leistung? Die Kritikpunkte an Österreichs Gesundheitssystem – etwa lange Wartezeiten bei Fachärzten – sind bekannt. Im Sommer präsentierte die Regierung die Reformpartnerschaft zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern – vorerst ohne konkrete Gesetze, verbindliche Finanzierungen oder Umsetzungsfristen. Kooperieren die Gebietskörperschaften bei der Gesundheitsreform zu wenig?
Unter anderem darüber haben beim Unique Talk, Donnerstagabend in Wien, Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) und SVS-Obmann Peter Lehner diskutiert. Ebenfalls am Podium: Thomas Kuchlbacher, Leiter der Krankenversicherung der Wiener Städtischen, Facharzt Benjamin Glaser und David Wachabauer, Fachmann vom nationalen Forschungs- und Planungsinstitut Gesundheit Österreich (GÖG).
Schumann: „Wir haben Baustellen“
„Ich gebe all jenen recht, die sagen, wir haben Baustellen“, sagt Schumann eingangs. Österreich habe ein sehr gutes Gesundheitssystem. Die einzelnen Systemteile müssten aber, wie bei der Reformpartnerschaft vorgesehen, besser ineinandergreifen. Zudem hat sich die Regierung das Ziel gesetzt, die Zahl der Primärversorgungszentren (PVE) bis 2030 von 257 auf 300 Zentren auszubauen.
SVS-Obmann Lehner hält das Versorgungsangebot für ausreichend: „Wir haben eine Ärztedichte wie in keinem anderen Land.“ Er pocht auf mehr Eigenverantwortung der Patienten, das Solidarsystem müsse neu auf die Beine gestellt werden. Die Versicherten würden derzeit „nicht das Maß des Notwendigen wollen, sondern viel mehr“, so Lehner. „So viel Geld kann man auf Dauer gar nicht einwerfen.“
Schumann gegen „Golf“-Vergleiche
Anderes Streitthema: Gibt es in Österreich zu viele Wahl- und zu wenige Kassenärzte? Dass die private Krankenversicherung immer stärker in Anspruch genommen werde, sei ein Zeichen, dass der Bevölkerung Gesundheit etwas wert sei, so Lehner – der das öffentliche Gesundheitssystem mit einem „Golf“ (Pkw) vergleicht.
„Es wird immer Privatmedizin geben“, hakt Schumann ein. Die Grundlage müsse aber ein starkes öffentliches System bleiben. „Wie sagen wir einem Krebskranken: Du kriegst leider nur den Golf“, meint sie Richtung Lehner. „Der Vergleich meint ja nicht, dass jemand keine Krebstherapie bekommt“, widerspricht der SVS-Chef. In Österreich stehe jedem die beste Behandlung zu.
Viel Raum für Effizienz
Die größten „Effizienzpotenziale“ sieht Lehner bei der Patientenlenkung. Er pocht etwa auf eine digitale Patientenakte wie in Estland – Schumann stimmt zu. GÖG-Fachmann Wachabauer sagt: „Ich muss zuerst die Primärversorgung ausbauen, das tun wir jetzt. Erst dann kann ich eine sinnvolle Patientenlenkung machen.“ Arzt Glaser glaubt, dass sogenannte Tageskliniken – wo etwa kleinere Operationen durchgeführt werden – für viel Effizienz sorgen könnten: „Wir haben viele Spitäler, die wir vielleicht gar nicht brauchen.“
Wo die Diskussionsteilnehmer übereinstimmen: Die Strukturen des heimischen Gesundheitssystems seien zu kompliziert – und es gibt viele Interessenskonflikte. Schumann ist sich aber ganz sicher: Alle „Player“ hätten Interesse an einer großen Reform. „Natürlich, leicht wird’s nicht.“
Source:: Kurier.at – Politik



