
Es ist das Thema, das wie kein anderes in der jüngeren Geschichte die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert hat: Missbrauch kirchlicher Autorität in unterschiedlichster Form, insbesondere aber jener sexueller Gewalt. Auch die – in der Sache prinzipiell richtigen – Hinweise auf andere Institutionen greifen letztlich nicht, weil es hier ans Eingemachte geht; man denke nur an die auch weniger bibelfesten Menschen geläufigen Stellen aus dem Neuen Testament: „Lasst die Kinder zu mir kommen“ oder „Bei euch aber soll es nicht so sein“.
Nun hat sich die Kirche allerdings in den letzten Jahren diesem Thema sehr offensiv gestellt und einen sicher schwierigen und auch schmerzhaften Prozess der Umkehr und Erneuerung eingeleitet. Einer von jenen, der hier an vorderster Front gearbeitet und gekämpft hat, ist der deutsche Jesuitenpater Hans Zollner. Er leitet in Rom das „Institut für Anthropologie – Interdisziplinäre Studien zur Menschenwürde und zur Sorge für Schutzbefohlene“ (IADC) an der Päpstlichen Universität Gregoriana und war bis 2023 Mitglied der von Papst Franziskus 2014 gegründeten Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen. Dieser Tage war er – der nach eigener Auskunft auf allen Kontinenten zur Missbrauchsthematik unterwegs ist – in Wien und hat vor Medienvertretern über die einschlägigen Entwicklungen gesprochen.
„Würde leben“
Das Wichtigste: ein Paradigmenwechsel weg von der bloßen Prävention, dem Verhindern von Missbrauchsakten hin zum sogenannten „Safeguarding“: „Es geht nicht nur darum, etwas zu verhindern, sondern Menschen zu helfen, sich zu entfalten, zu wachsen und ihre Würde zu leben“, so Zollner. Und noch etwas ist dem Ordensmann wichtig: Das Thema der sexualisierten Gewalt sei ein „Menschheitsthema“. Soll heißen, die im Menschen tief verwurzelte Sexualität schließt immer schon die Möglichkeit ihres Missbrauchs, die Möglichkeit von Abwegen und Pervertierungen mit ein. Gesetze und Medienkampagnen seien wichtig, könnten letztlich aber nur wenig bewirken. Veränderungen würden ausgelöst durch „Katastrophen“ und müssten „von unten“ geschehen. Generell warnte Zollner vor einer falschen Selbsteinschätzung in puncto Sexualität, gerade im Westen: Wir hielten uns für reifer, kontrollierter und rationaler als wir tatsächlich seien.
Klar ist für den Experten: Missbrauch ist immer Machtmissbrauch, Ausnützung eines Autoritätsverhältnisses. Wobei die Grenzen zwischen den verschiedenen Ausprägungen fließend sind und oft auch miteinander verbunden sind. So gebe es durchaus die Verquickung von finanzieller Ausbeutung, sexualisierter Gewalt und spirituellem Missbrauch.
Zölibatsfrage
Die naheliegende Frage nach dem Zusammenhang zwischen der verpflichtenden Ehelosigkeit für Priester und einem Hang zu sexuellem Missbrauch beantwortete Zollner sehr klar: Der Zölibat per se führe nicht zu Missbrauch. Die Häufigkeit der Fälle sei bei katholischen Priestern nicht höher als bei evangelischen verheirateten Pfarrern oder anderen Religionsvertretern. Auch gebe es in der katholischen Kirche nicht mehr diagnostizierte pathologische Pädophile als in anderen Gesellschaftsgruppen. Allerdings: „Der Zölibat wird dann zu einem Risikofaktor, wenn er dazu führt, dass Sexualität von Priestern nicht gut genug und reif genug integriert wird und andere Faktoren eine Rolle spielen“, wie etwa Einsamkeit, Überarbeitung oder fehlende tragfähige Freundschaften.
Source:: Kurier.at – Politik



