
Grau in Grau, wolkenverhangen, bald könnte es regnen. Eigentlich die ideale Zeit, um durch die feinen Boutiquen und luxuriösen Shops in den Malls zu streifen. Das Angebot an sündteuren Marken ist riesig, die Kundschaft rar. Wer dieser Tage durch die noble Nanking-Road im Zentrum Shanghais schlendert, bekommt einen Eindruck davon, was Ökonomen unter der „lahmenden Binnenkonjunktur“ in China verstehen.
Frau Wu im Tiffany-Store will davon nichts wissen. Die Nachfrage, wie die Geschäfte denn so laufen, lächelt sie verlegen weg. Doch die Antwort liegt auf der Hand. Auch um die Ecke bei Miu Miu herrscht gähnende Leere. Die Verkäuferinnen spielen gelangweilt mit ihren Smartphones. Nur vor einer prunkvollen Louis-Vuitton-Auslage ist ein wenig Action.
Junge Chinesinnen werfen sich in Insta-taugliche Posen. Die Szenen spiegeln die Wirtschaftsmisere im kommunistischen Einparteienstaat wider.
High-Tech wächst, der Export boomt, der Konsum stagniert. China überschwemmt die Welt mit unschlagbar günstiger und technologisch meist schon ebenbürtiger Ware. Doch daheim herrscht Flaute – in vielerlei Hinsicht.
Staats- und Parteichef Xi Jingping, mächtigster Politiker seit Staatsgründer Mao Zedong, läuft sich warm für eine vierte Amtszeit. Die frühere Amtszeitbeschränkung hat er aufheben lassen. Beim entscheidenden Parteitag im Herbst 2027 wird er 74 sein.
„Überragender Führer“
Während Xi außenpolitisch bei Treffen mit anderen Autokraten wie Wladimir Putin oder Rivalen wie Donald Trump punkten kann, kämpft er im Inland mit gewaltigen Problemen. Das hinter dem Fünf-Jahresplan hinterherhinkende Wirtschaftswachstum ist nur eine Sorge des „Überragenden Führers“, wie er sich nennen lässt.
Für viele Konzerne ist der Export der einzige Ausweg aus den Überkapazitäten und dem Verdrängungswettbewerb daheim. Von anfangs hundert E-Auto-Firmen werden nur ein paar überleben, heißt es. Für die Abgehängten bietet der Personenkult um Xi nur wenig Trost. Der „neue lange Marsch“, wieder ein „großer Sprung nach vorne“? Nur in der Propaganda.
Die chinesische Gesellschaft durchläuft eine gewaltige Transformation. Das Aufstiegsversprechen: „Streng dich an, dann wirst du belohnt“, gilt vielfach nicht mehr. Das birgt sozialen Sprengstoff.
Jugendarbeitslosigkeit
Sowohl die Jugend- als auch die Akademikerarbeitslosigkeit haben Werte um die 20 Prozent erreicht. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. China hat mit knapp 3.200 Universitäten zwar das weltweit größte Hochschulsystem, aber bei einer Akademisierungsrate von 60 Prozent auch Millionen Absolventen ohne Job.
Dazu kommen zahlreiche soziale Probleme, die meist mit der Überalterung und dem Schrumpfen der Bevölkerung zu tun haben. Bis 2050 verliert China bis zu 150 Millionen Einwohner, mehr als Frankreich und Italien zusammen.
Ausgangspunkt der Misere: Um fürs Alter vorzusorgen, haben Millionen Familien ihre Ersparnisse in Wohneigentum investiert. Dann platzte die gewaltige Immobilienblase. Heute regiert bei den Menschen das Angstsparen. Der Staat sitzt mit dem Immobiliengiganten Evergrande auf dem höchst verschuldeten Konzern der Welt. Und die Kommunen sind klamm, weil sie kein günstiges Bauland mehr verkaufen können, um an Geld zu kommen.
Zombiefirmen
In der allmächtigen Partei aufsteigen können aber nur jene, die gute Zahlen vorweisen können. Daher werden quer durch China „Zombiefirmen“ am Leben gehalten, die so wenig Gewinn machen, dass sie nicht einmal ihre Zinsen bedienen können. Um Protest und Widerstand im Keim zu ersticken, zieht der Überwachungsstaat die Zügel immer schärfer an.
Im Taxi vom Pekinger Flughafen in die Stadt plaudert der Fahrer mit dem …read more
Source:: Kurier.at – Politik



