„3000 Einzelteile“ im Akademietheater: Schaut, hier gibt’s echte Unterprivilegierte!

Kultur

„Iba die gauz oamen Leit“ hießen Christine Nöstlingers bemerkenswerte Gedichte über Menschen der sogenannten „Unterschicht“. „Die Armen“ von damals wurden in der künstlerischen Auseinandersetzung durch Migranten, Asylwerber oder andere Gruppen, die ausgegrenzt oder so wahrgenommen werden, abgelöst. Von Theatermacher Peter Sellars und seinen Projekten mit Flüchtlingen bis Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, für die das Thalia Theater Flüchtlinge beschäftigte. Den radikalsten Beitrag zur Debatte „Einbindung Betroffener versus Inszenierung von Betroffenheit“ lieferte Christoph Schlingensiefs „Ausländer raus! Container“.

Spielfilm

Dem kann 26 Jahre später Ádám Császis Stück „3000 Einzelteile“ wenig hinzufügen. Császi hat seinen Spielfilm „Three Thousand Numbered Pieces“ aus dem Jahr 2022 für das Akademietheater adaptiert. Das Stück ist seit Freitag zu sehen.

Der Inhalt dieser sehr langen 150 Minuten: Ein Regisseur inszeniert ein Stück von und mit ungarischen Roma-Schauspielerinnen und Schauspielern, verwendet ihre realen Biografien und lässt ein Haus aus ihrem Dorf in 3000 Einzelteile zerlegen, um es hier wieder aufzubauen (Bühne: Michael Köpke). Aus vermeintlicher Authentizität speist sich der ganze Abend, beginnend mit Licht im Zuschauerraum und Schauspielern im Publikum.

Auf der Bühne spielen sechs „Rom*nja“ ihr möglichst kaputtes Leben nach. Sie sind mit undefinierbarer Gold-Schlammfarbe bemalt (Kostüme: Lisa Däßler): Der Hinweis auf das Vorurteil, Roma würden Gold lieben, könnten singen, tanzen, stehlen und seien gewalttätig und drogensüchtig.

Idee dieser Satire: Wer einen Sozialporno inszeniert und ihn als solchen benennt, profitiert trotzdem von ihm. Das stimmt und geht eine Zeit lang gut. Insbesondere, weil der Text über die Geschäftsidee Altruismus und die Ambivalenz der sogenannten Woke Culture wirklich alle aufs Korn nimmt. Markus Meyer gibt als Regisseurskarikatur Pressekonferenzen über menschenrechtliches Engagement, kann aber nur mit Mühe einen Gewaltausbruch unterdrücken, weil das Mineralwasser nicht kalt genug ist. Er betont, es gebe auf seiner Bühne keine Hierarchien – und herrscht permanent die Regieassistentin (Annamária Láng) an. Sie hat selbst eine Idee, ein Stück, das „Melancholie des Widerstands“ heißen soll, aber keiner hört zu. Auch nicht der Intendant (Norman Hacker), der aussieht wie László Krasznahorkai, im realen Leben Autor der „Melancholie des Widerstands“.

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Intendant, Regisseur und Dramaturg (Ernest Allan Hausmann) werden nicht müde, ihren Darstellern zu versichern, ihre „Andersartigkeit“ mache sie „wertvoll“. Nicht ohne allerdings auf ihre eigene „Stigmatisierung“ hinzuweisen. Adam ist zwar ein schuldbewusst „weißer, privilegierter Mann“, aber immerhin „queer“: „Wir sind Opfer Ihres heteronormativen Blickes“, schilt er das Publikum. „Wir“, das sind diesfalls er und sein Mann, der Dramaturg. Der wiederum, obwohl Wiener in dritter Generation‚ permanent auf seine „Heimat“ Ghana hinweist. Musicalartig wird es nach der Pause. Warum? Egal. András Kazári, Hajnalka Szakács, Klára Német, Lisbet Hampe, Krisztián Rózsa und Mária Kőszegi legen ein überzeugendes „Underprivileged Rom*nja“ Tanz- und Singspiel (Musik: Csaba Kalotás, Choreografie: Krisztián Gergye) vor der Kulisse der 3000 Einzelteile ihres realen Lebens hin.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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