Nobelpreisträgerin über Ukraine-Krieg: „Putin ist in der Sackgasse“

Politik

Die stark verkleinerte Militärparade in Moskau ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Das sagt Irina Scherbakowa, Historikerin und Mitbegründerin der Friedensnobelpreisträger-Organisation Memorial, in der ZiB2. 

Der Zeitpunkt könnte kaum passender sein: Am Freitag verkündete US-Präsident Donald Trump eine dreitägige Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine und brachte damit zumindest vorübergehend Bewegung in einen seit mehr als vier Jahren festgefahrenen Krieg. 

Scherbakowa war zuvor auf Initiative des Karl-Renner-Instituts in Wien und hatte dort bereits gesagt, der Mythos vom siegreichen Russland wanke. In der ZiB2 zeichnete sie ein noch drastischeres Bild.

Parade als Symbol der Unsicherheit

Die Militärparade zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland war jahrelang das zentrale Propagandainstrument des Kremls, inszeniert nicht nur als Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, sondern zunehmend als Signal für einen möglichen Sieg über die Ukraine. Im Vorjahr, zum runden Jahrestag, wurde sie mit enormem ideologischen Aufwand begangen. Die Botschaft damals war klar: Russland siegt, damals wie heute. Heuer wurde die Parade deutlich reduziert. Für Scherbakowa ist das bezeichnend: Putin habe sich mit seiner eigenen, über Jahre aufgebauten Propaganda in eine Falle manövriert. 

„In diesem Jahr sieht es ganz anders aus“, sagt sie. Die Parade sei Ausdruck der Unsicherheit und der Angst, „und es geht überhaupt nicht um den Sieg.“

Glaube an den Sieg schwindet

Auch in der russischen Bevölkerung nehme der Glaube an einen russischen Erfolg spürbar ab. 

„Was wir deutlich merken in diesem Jahr und vor allem in den letzten Monaten, das ist die Müdigkeit, dass die Menschen an diesen Sieg nicht mehr glauben.“ 

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Dazu komme der wirtschaftliche Druck: steigende Preise, höhere Lebenshaltungskosten und ukrainische Drohnenangriffe, die inzwischen auch Moskau und den Ural erreichen. 

„Unmut, Unzufriedenheit, Müdigkeit breitet sich aus“, sagt Scherbakowa.

Verlässliche Umfragedaten seien in einer Diktatur kaum zu erheben, betont sie. Zustimmung bedeute nicht automatisch Überzeugung, Widerstand sei schlicht zu gefährlich. Als Vergleich zieht sie einen drastischen historischen Verweis heran: Auch im April 1945 in Hitler-Deutschland hätten Umfragen wohl noch Zustimmung zum Regime gezeigt. Der Gewaltapparat sei zu stark, die Angst zu groß. 

„Putins Regime ist jetzt in der Krise und Putin ist in der Sackgasse.“

Opposition kaum möglich, aber Signale des Unmuts

Eine klassische Opposition existiere nicht. Selbst schwache Gegenstimmen würden vom Regime systematisch ausgeschaltet, besonders mit Blick auf die anstehenden Duma-Wahlen im Herbst. Dass das Regime selbst vor diesen schwachen Formen des Widerstands Angst habe, zeige sich daran, wie konsequent potenzielle Alternativen im Vorfeld der Wahlen ausgeschaltet würden.

Dennoch sieht Scherbakowa Signale wachsender Unzufriedenheit: in reichweitenstarken Bloggern, deren Kritik Millionen erreiche, und in Exilmedien, die trotz Internetzensur viele Russen weiterhin hören wollen. 

„Es gibt sehr viele Medien, die viele Menschen in Russland trotzdem hören und hören wollen, trotz Einschränkungen des Internets.“

Waffenruhe, aber kaum Aussicht auf echten Frieden

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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