Energieexperte Birol warnt vor einer Energiekrise: „Kein Land ist immun“

Politik

Fatih Birol hat keinen einfachen Job. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) kam gerade von einem zweitägigen Aufenthalt in Kanada, Montagfrüh präsentierte er in Wien mit Experten seiner Organisation den Länderbericht zu Österreichs Energiezukunft. Danach eilte er zum OPEC-Hauptquartier in die Helferstorferstraße, um mit dem Generalsekretär der ölexportierenden Staaten über das Dilemma der Blockade der Straße von Hormus zu sprechen, und hatte gleich danach einen Termin bei Bundeskanzler Christian Stocker, um weiter über Österreichs Energiezukunft zu sprechen.

Student in Wien

Birol, ein gebürtiger Türke aus Ankara, der seine Doktorwürden an der Universität Wien erlangt hat, gilt heute als einer der wichtigsten Energieexperten weltweit. Auf seine Meinung wird überall großen Wert gelegt.

Birol erzählt, dass er seinen Kollegen der Energieagentur in Paris zu Beginn des Irankriegs die Anweisung gab, vorerst nicht mit Medien zu sprechen, nachdem sich eine Sperre der Straße von Hormus abzeichnete. Er erklärte, dass sie abwarten sollten, um die Lage und die eintreffenden Daten durch die Sperre der Seestraße vollständig zu analysieren, bis das tatsächliche, weitreichende Ausmaß der Situation völlig klar war. Nachdem die Daten zeigten, dass die Auswirkungen global waren – und das mit drastischen Folgen für Asien, Europa und Australien –, ging Birol an die Öffentlichkeit und bezeichnete die Situation ab diesem Zeitpunkt offiziell als die „größte Energiekrise der Geschichte“.

Birol erklärte seine dramatische Aussage mit dem anhaltenden Lieferausfall durch die Blockade der Straße von Hormus, wo sonst täglich etwa 20 Prozent des weltweiten Öl- und Erdgasbedarfs transportiert werden. „Die Menge an Öl und Gas, die wir diesmal verloren haben, ist größer als jene aller bisherigen schweren Öl-Krisen von 1973, 1979 und 2008 zusammen.“ Auch wenn von der Sperre von Hormus direkt vor allem Asien betroffen ist, bekräftige der Energieexperte: „Kein Land, wirklich gar kein Land ist immun dagegen. Ich hoffe sehr, dass sich diese Energiekrise nicht zu einer Wirtschaftskrise auswächst.“

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Seit Ende Februar ist der Börsenpreis für Erdöl zeitweise um mehr als 70 Prozent gestiegen, aktuell sind es etwa 46 Prozent. Und wenn sich die Energie verteuert, verteuert sich am Ende alles, von der Semmel beim Bäcker bis zum Stahl für die Bauwirtschaft: „Es ist ein Irrglaube zu denken, hohe Ölpreise würden sich nur an der Zapfsäule bemerkbar machen. Vielmehr werden die steigenden Preise für Öl und Erdgas die gesamte Lieferkette beeinträchtigen und die Inflationsraten massiv in die Höhe treiben“, sagt Birol, der davon ausgeht, dass noch deutlich höhere Börsenpreise als aktuell zu erwarten sind, sollte die Straße von Hormus weiterhin blockiert bleiben. Derzeit gibt es wenig Anzeichen, dass sich das rasch ändert (siehe Seite 7).

Energie sparen

Als konkrete Gegenmaßnahme veröffentlichte die IEA einen 10-Punkte-Plan, um die Ölnachfrage in der akuten Krise rasch zu drosseln. Dieser enthielt praxisnahe Vorschläge wie die Einführung von Tempolimits, billigere oder kostenlose öffentliche Verkehrsmittel und die verstärkte Nutzung von Homeoffice. Rund 40 Länder, insbesondere im asiatischen Raum, begannen daraufhin, sich an diesen Empfehlungen zu orientieren – denn die Energiekrise hat Asien längst mit voller Wucht erreicht. In Indien ruft Premierminister Narendra Modi die Bevölkerung zum Energiesparen auf, in Sri Lanka steigen die Strompreise, in Pakistan bleiben Schulen geschlossen, …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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