
Mitunter kann die KI durchaus hilfreiche Dienste leisten. Ihr Tratschpartner fragte Gemini von Google und Perplexity, ob der Staat Israel im Zuge des Gaza-Krieges Völkermord (Genozid) begehe. Die Antwort fiel übereinstimmend aus: Die Frage werde auf internationaler, juristischer und politischer Ebene intensiv und kontrovers diskutiert. „Eine endgültige rechtskräftige Feststellung“ beziehungsweise „endgültige völkerrechtliche Bewertung“ liege bisher nicht vor, da „die internationalen Gerichte ihre Hauptverfahren noch nicht abgeschlossen“ hätten.
Für manche ist die Sache längst klar. Und sie trommeln ihre Botschaft mit Vehemenz. Am Freitag zum Beispiel wurde bekannt, dass die Initiative „Venice4Palestine“ die Veranstalter der Filmfestspiele Venedig aufgefordert hat, während des Festivals (von 2. bis 12. September) eine palästinensische Flagge am Lido zu hissen. Zudem ruft sie dazu auf, Vereinbarungen mit Einrichtungen und Institutionen auszusetzen, die mit der israelischen Regierung verbunden sind. Zu den Unterzeichnern gehören – es verwundert nicht – Annie Ernaux und Roger Waters.
Quasi zur gleichen Zeit – von 9. bis 13. September – findet in Linz wieder die Ars Electronica statt. Im Lentos präsentiert das Medienkunstfestival sechs mit einer Goldenen Nica ausgezeichnete Beiträge des Prix Ars Electronica – darunter „Eine Kartografie des Völkermords: Israels Verhalten in Gaza seit Oktober 2023“ von Forensic Architecture. Es handelt sich dabei um eine britische Rechercheagentur unter Leitung von Eyal Weizman, die immer wieder im Kontext der Kunst in Erscheinung tritt.
In der deutschen taz warf die Kulturwissenschaftlerin Mira Anneli Naß (Universität Bremen) der Plattform Voreingenommenheit zugunsten der palästinensischen Seite vor: „Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Objektivität ergreift Forensic Architecture regelmäßig Partei“, schrieb sie. „Auf Basis vermeintlich forensischer Faktizität halten die Investigationen zum Nahostkonflikt einen palästinensischen Opfer- und israelischen Täterstatus aufrecht.“ Die israelische Armee werde „als alleiniger Aggressor“ gegenüber Zivilisten ins Bild gesetzt.
In der Arbeit „Eine Kartografie des Völkermords“ wird der Genozid bereits im Titel als Faktum hingestellt. Auf der Website der Ars ist zu lesen: „Die Jury ist der Ansicht, dass dieses Werk eines der bedeutendsten zeitgenössischen Beispiele dafür darstellt, wie interaktive und rechnergestützte Medien sinnvoll in dringende politische und humanitäre Realitäten eingreifen können. Es ist eine außergewöhnliche Leistung, deren Implikationen weit über den gegenwärtigen Moment hinaus nachhallen werden.“
Man muss ergänzen, dass die Jury ein wenig voreingenommen zu diesem Schluss gekommen sein muss: Forensic Architecture hatte nicht aktiv für den Wettbewerb eingereicht, deren Arbeit wurde von Jurymitgliedern nominiert. Die Abstimmung fiel einstimmig aus.
Intendant Gerfried Stocker sah sich nach der Bekanntgabe zu einer Stellungnahme veranlasst: „Uns ist bewusst, dass die Präsentation eines Projekts, das ausdrücklich das Wort ,Völkermord‘ im Titel trägt, bei vielen Menschen tiefgreifende und entgegengesetzte Reaktionen auslöst: Empörung über das massive Leid der Zivilbevölkerung in Gaza sowie Schmerz und Widerspruch unter denen, die in dieser Terminologie eine Relativierung der historischen Einzigartigkeit des Holocaust sehen. Wir respektieren die Entscheidung der Jury. Gleichzeitig halten wir es für notwendig – gerade aus österreichischer Sicht –, diese Entscheidung nicht unangefochten zu lassen und offen die historischen, politischen und sozialen Implikationen dieser Entscheidung zu diskutieren …“
Die Ars wird von der Stadt Linz, von Oberösterreich und vom Bund mitfinanziert. Zunächst wandte sich Ihr Tratschpartner mit mehreren Fragen an Kulturminister Andreas …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



