„Hidden Gem“: Wie Influencer den Justizpalast kapern

Politik

Niemand weiß mehr, wann es begonnen hat – klar ist nur: Es ist völlig ausgeartet. Aufrufe wie „visit palace for free!“ und Bilder der imposanten Eingangshalle haben vor einigen Jahren auf Instagram die Runde gemacht. Seither winden sich vor dem Justizpalast regelmäßig Besucherschlangen bis ums Eck.

Klargestellt ist damit auch: Ein „hidden gem“, ein „verstecktes Juwel“, wie die Insta-Postings versprechen, ist der Justizpalast am Schmerlingplatz in Wien schon lange nicht mehr.

Der Prachtbau im Stil der Neorenaissance, der 1881 fertiggestellt wurde, ist Arbeitsplatz für rund 600 Mitarbeiter und beherbergt fünf Institutionen: Generalprokuratur, Oberstaatsanwaltschaft Wien, Oberster Gerichtshof, Oberlandesgericht Wien und Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien.

Wo Justitia thront

Das Hausrecht hat die Präsidentin des Oberlandesgerichts, Katharina Lehmayer. Um sicherzustellen, dass jene, die hineinmüssen, auch zeitgerecht und ungestört hineinkönnen, hat sie vor einiger Zeit Besucherkontingente eingeführt: Pro Stunde werden nur noch 25 Touristen eingelassen, von der Torwache kontrolliert und teils sogar begleitet. Vor den Durchgängen, die zu den Büros führen, stehen „Stopp“-Schilder mit der Aufschrift: „Keine Besichtigung“ / „No Sightseeing“.

Bewegen dürfen sich Touristen nur im unteren Bereich der Eingangshalle und im Arkadengang im 2. Stock, das sind ohnehin die beliebtesten Foto-Spots. Wer nicht in Ehrfurcht und Zeitlupe die Freitreppe emporgestiegen ist – der dort thronenden Justitia entgegen –, der war nicht in Wien. Das suggerieren zumindest Hunderte Videos auf Instagram.

Frei zugänglich ist auch das Justizcafé mitsamt Dachterrasse und einzigartigem Blick über Wien. Eigentlich ist das die Mitarbeiter-Kantine. Dank einschlägiger Insta-Postings („Für elf Euro richtig geil“) zieht die Kantine aber auch immer mehr Foodies an.

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Jene, die im Justizpalast arbeiten, haben gelernt, mit den Touris zu leben – Humor hilft. So schildern Beschäftigte, wie sich „junge Damen“ am oberen Balkon umziehen, um sich neben der Justitia-Statue in verschiedenen Outfits ablichten zu lassen. Nicht nur einmal sei es vorgekommen, dass ganze Menschentrauben in Büros hineinplatzen oder Touristinnen mit opulenten Ballkleidern den Lift verstopfen. Bei der Abschiedsfeier von Generalprokurator Franz Plöchl vor zwei Jahren habe sich sogar eine kleine Touristengruppe unter die Gäste gemischt, erzählt man sich.

Keinesfalls Hochzeitsfotos

„Der Justizpalast ist kein Museum“, wird in der Hausordnung festgehalten. Touristen dürfen nur für private Zwecke fotografieren und filmen, für alles andere braucht man eine Genehmigung. „Keinesfalls (in Fettschrift, Anm.) gestattet werden Hochzeitsfotos, Modeaufnahmen, Werbung oder Inhalt jeglicher Art für Online-Plattformen, soziale Medien und dergleichen“, heißt es in der Hausordnung.

Influencer schaffen es trotzdem immer wieder, sich den Justizpalast zur Bühne zu machen. Erst jüngst postete eine Frau, wie sie in einem etwas weniger einsehbaren Bereich neben der Treppe in der 23 Meter hohen Eingangshalle Yoga praktiziert.

Verbieten kann man der Öffentlichkeit den Zutritt nicht. Gerichtsgebäude sind öffentliche Gebäude, auch Verhandlungen sind prinzipiell öffentlich. Der Justizpalast in Wien wurde – betrachtet man internationale Beispiele – relativ spät von Touristen entdeckt.

Justizpaläste weltweit

Der „Palais de Justice“ in Brüssel etwa beeindruckt mit seiner 142 Meter hohen Kuppel, obwohl er schon seit längerer Zeit wegen Bauarbeiten nur beschränkt zugänglich ist. Berühmt sind auch die „Royal Courts of Justice“, ein neugotischer Gebäudekomplex mitten in London. Oder der Pariser Justizpalast, wo zwischen 1793 und 1795 Sitzungen der Revolutionstribunale abgehalten wurden. Auf Tripadvisor …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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