„Sehr österreichische Lösung“: Gebärdensprache an AHS, aber nur für wenige

Politik

Ab diesem Schuljahr, das am Montag auch im Westen und Süden begonnen hat, kann an AHS-Oberstufen neben Französisch, Spanisch oder Polnisch auch die Österreichische Gebärdensprache als zweite lebende Fremdsprache gewählt werden. Ab 2030 soll man darin auch maturieren können. In der Praxis wird es ÖGS wegen Personalmangels vorerst aber nur an einzelnen Standorten geben, für jüngere Gehörlose gibt es trotz einer Reform im vergangenen Schuljahr weiter wenig Angebot.

In Österreich ist die ÖGS zwar seit 2005 verfassungsrechtlich anerkannt. In den Schulen gab es sie aber weder als eigenes Unterrichtsfach noch als reguläre Erst- oder Zweitsprache, wie auch der UN-Ausschuss zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen erst jüngst wieder kritisiert hat. Auch ein Lehramtsstudium fehlt, Unterrichtsmaterial für Kinder und Jugendliche ist rar.

An den AHS-Oberstufen kann mit dem Schuljahr 2026/27 zwischen der ÖGS als „visuell-gestische Sprache“ oder den bisherigen 13 lebenden Fremdsprachen, Latein und Griechisch gewählt werden – unabhängig davon, ob jemand hören kann oder nicht. Wie bei anderen Sprachen wird es dabei neben Sprachbildung auch um Kultur und Geschichte der Sprachgemeinschaft gehen. Gestartet wird laut Recherchen des ORF in den Bildungsdirektionen der Bundesländer vorerst u.a. wegen zu weniger ÖGS-Lehrkräfte nur an einzelnen Schulen.

Zugang an Pflichtschulen eingeschränkt

Für Gebärdensprachforscherin Verena Krausneker von der Universität Wien ist das neue AHS-Modell ein Fortschritt, aber eine „sehr österreichische Lösung“: Es profitieren nämlich vor allem hörende Schülerinnen und Schüler davon, an die Gymnasien schafft es wegen schlechter Lernbedingungen derzeit nur eine „Bildungselite“ gehörloser Kinder. Im Sinne einer mehrsprachigen Gesellschaft sei es zwar gut, wenn mehr hörende Menschen ÖGS lernen, so die Wissenschafterin im APA-Gespräch. Es sei aber „völlig unverständlich“, dass ÖGS als Teil des schulischen Sprachkanons erst in der Sekundarstufe II angeboten wird und nicht schon in den acht Jahren davor.

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An den Pflichtschulen (v.a. Volks- und Mittelschule) wurde das ÖGS-Angebot mit dem Schuljahr 2025/26 zwar ebenfalls ausgebaut, allerdings nur als verbindliche oder unverbindliche Übung. Damit fehle nicht nur die Gleichstellung der vor 21 Jahren anerkannten ÖGS mit den anderen Sprachen an Schulen, so Krausneker. In der Praxis sei der Zugang auch eingeschränkt: Die verbindliche Übung können nur Kinder wählen, denen wegen einer anhaltenden Behinderung ein Sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wird und die nach dem Lehrplanzusatz „Förderschwerpunkt Hören Kommunikation“ unterrichtet werden. Hörende Kinder gebärdensprachiger Eltern, deren Familiensprache ÖGS ist, sind damit immer noch ausgeschlossen. Selbst bei gehörlosen Kindern muss zusätzlich erst ein entsprechender „Bedarf“ festgestellt werden und in der verbindlichen Übung selbst kann entweder eine Förderung in ÖGS oder aber in Hör- und Aussprachekompetenz stattfinden. Der Lehrplan sei hier immer noch stark im Spartendenken der Sonderschulen verankert, kritisierte die Wissenschafterin.

Nachholbedarf bei Sprachrechten

Die Möglichkeit, ÖGS für hörende Kinder auch als unverbindliche Übung anzubieten, besteht aus Sicht der Expertin überhaupt nur am Papier. Schon jetzt gebe es viel zu wenig Lehrkräfte für das Fach. Qualifiziertes Personal dafür aufzutreiben sei deshalb „völlig unrealistisch“.

Insgesamt sind die neuen Lehrpläne für Krausneker zwar auf jeden Fall ein Schritt nach vorne und Österreich hole damit eindeutig auf. „Aber in Bezug auf sprachliche Rechte von gehörlosen Menschen sind wir noch überhaupt nicht dort, wo wir …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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