
Da ist sie wieder: die längst überwunden geglaubte Trennung zwischen „Hochkultur“ und „Massenkultur“. Und mit ihr die Frage, was denn eigentlich „Kunst“ ist und was in ein Museum gehört.
Ausgegraben hat die Debatte nicht der Archäologe Indiana Jones, sondern dessen Erfinder George Lucas: Der Regisseur, der wie wenige sonst archaische Mythen in Blockbusterfilme zu übersetzen wusste, hat sich sein eigenes Museum gebaut, eine Milliarde US-Dollar werden als Kosten kolportiert.
Der spektakuläre Bau des Architekten Ma Yansong sitzt nun wie ein riesiges Raumschiff in einem Park gegenüber jenem Stadion in Los Angeles, in dem 2028 die Olympischen Sommerspiele eröffnen werden. Ab Dienstag (22. 9.) ist er für Publikum geöffnet, vorab durften Medien und Fachleute ihn besuchen.
Sie trugen neben Überwältigung auch Skepsis nach außen: Denn Lucas, der sich mit seinem „Star Wars“-Universum unumstößlich in der Filmgeschichte verankert hat, schickt sich – gemeinsam mit seiner Frau Mellody Hobson – offenbar auch dazu an, den Kanon der Kunstgeschichte umzuschreiben.
„Lucas Museum of Narrative Art“ heißt die vom Regisseur und Produzenten begründete Institution. Den Begriff „Narrative Art“, also „erzählende Kunst“ – laut Eigendefinition „erschaffen, um mit Bildern Geschichten zu erzählen“ – sucht man in kunsthistorischen Fachdiskursen eher vergeblich, wobei das Erzählen immer wieder eine Aufgabe der Kunst war, wenngleich nicht die einzige.
Eine gute Geschichte
Für Lucas, der früh begonnen hatte, Comics, Buchillustrationen und andere populäre Bildwerke zu sammeln, liegt in der Kraft des Erzählens aber eine Eigenschaft, die bildnerisches Schaffen über alle Epochen und Genres hinweg verbindet – und die nach seinem Dafürhalten in der Kunstwelt an den Rand gedrängt wurde.
In dieser Sichtweise schwingt freilich eine Portion Groll gegenüber der modernen und abstrakten Kunst mit – und gegenüber ihrer elitären Fangemeinde, die Leute wie Lucas lange vor der Tür stehen ließ, so reich und erfolgreich sie auch sein mochten.
Statt sich mit diesem Establishment zu arrangieren, präsentiert Lucas nun also seinen eigenen kulturellen Kanon.
Niveauunterschiede
In diesem sind vor allem die Unterschiede zwischen der – ihrem Wesen nach von jedem Zweck entbundenen – Kunst und der zweckgebundenen Illustration eingeebnet. Wobei diese Abgrenzung auch eine Frage der Zeit und des Kontexts ist: Werke des Malers Lucas Cranach oder der Barockkünstlerin Artemisia Gentileschi erfüllten einst sakrale Funktionen und sind heute Kunst. In Lucas’ Sammlung finden sie sich auf einer Stufe mit Bildern hünenhafter Helden und vollbusiger Kriegerinnen, die der Illustrator Boris Vallejo für die Cover von Fantasy-Romanen schuf. Diese sind heute eher: Kitsch.
Lucas’ erklärter Lieblingsmaler ist Norman Rockwell (1894–1978), der mit seinen idealisierten Szenen fast eine US-Version der Biedermeiermalerei im 20. Jahrhundert beschwor. Mit Kadir Nelson, einem Illustrator des Magazins The New Yorker, finden zarte Echos der amerikanischen Diversität und sozialer Spannungen Eingang in seinen Kosmos.
Die Star-Wars-Welt ist mit Storyboards, Requisiten und einer Bronzestatue, die Prinzessin Leia mit dem Monster Jabba the Hutt zeigt, vertreten. Sie nimmt aber nur einen relativ kleinen Teil des Museums ein.
Ob dieser Mix dazu angetan ist, die von Lucas angeprangerten kulturellen Grenzen einzureißen? Abseits davon, was das Museum zeigt, geht es hier auch um Statusfragen.
Bereits im Vorfeld wurde Kritik laut, dass der Museumsgründer besser daran getan hätte, die Kunst-Infrastruktur …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



