
Da ist die Geschichte von Fereydoon Faraji, der in Baneh in der iranischen Provinz Kurdistan an seinem Arbeitsplatz erschossen wurde – nur weil er aus dem Fenster blickte. Da ist jene von Shahou Bahmani, der blutend auf dem Boden in Sanandaj lag, während die Sicherheitskräfte 30 bis 40 Minuten lang weiter auf Demonstranten feuerten. Er verstarb später im Krankenhaus. Oder jene von Mahshid, der einen Protest in der Provinz West-Aserbaidschan als „Kriegszone“ beschreibt: „Die Sicherheitskräfte zeigten keinerlei Gnade gegenüber irgendjemandem“, erzählt er. Er hatte Glück und überlebte.
All diese Geschichten ereigneten sich zwischen September und Dezember 2022 im Iran. Damals brachen nach dem Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini in Gewalt der Sittenpolizei die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste aus. Sie wurden von den Sicherheitsbehörden brutal niedergeschlagen.
Amnesty International hat nun Hunderte dieser Fälle gesammelt. Am Mittwoch, dem vierten Todestag Aminis, veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation einen mehr als 1.000 Seiten langen Bericht („Architekten der Gräueltaten“). Darin flossen 270 Augenzeugenberichte, die Analyse von über 2.000 Videos sowie zahlreicher Dokumente und Akten ein. Er zeichnet das Bild eines systematischen, äußerst grausamen Vorgehens des iranischen Staates gegen die eigene Zivilbevölkerung: Tötungen, Folter, Verschwindenlassen, willkürliche Inhaftierungen, Vergewaltigungen und Verfolgung.
Die Namen von 377 dokumentierten Todesopfern wurden veröffentlicht. Darunter befinden sich 56 Kinder. Besonders betroffen waren demnach kurdische und belutschische Demonstrierende, die 62 Prozent der von Amnesty International dokumentierten Todesopfer stellen. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist deutlich geringer. Die Behörden bestreiten bis heute ihre Verantwortung, sprechen von „Randalierern“ oder „bewaffneten Terroristen“, die für die Tötungen verantwortlich seien.
87 Verantwortliche
Geplant wird das Vorgehen von den höchsten Sicherheitsorganen des iranischen Staates, durchgeführt von den Islamischen Revolutionsgarden mit ihren paramilitärischen Einheiten sowie der Polizei. Durch die Aufdeckung von Befehlsketten wurden 87 mutmaßlich Verantwortliche identifiziert, darunter hochrangige Vertreter der Revolutionsgarden, der Polizei und des Innenministeriums auf nationaler, provinzieller und lokaler Ebene. Ihnen wirft Amnesty International schwere Rechtsverstöße vor, darunter Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
An oberster Spitze stand Ali Khamenei, der Oberste Führer der Islamischen Republik, der mittlerweile tot ist. Die allermeisten Funktionsträger sind aber nach wie vor an der Macht. Die Organisation fordert eine internationale Strafverfolgung der Hauptverantwortlichen. „Unser Bericht zeigt auch, warum die Täter bis heute straffrei bleiben. Das iranische System schützt sie. Das hat zu immer neuen Massakern geführt. Am 8. und 9. Januar 2026 wurden innerhalb von nur 48 Stunden Tausende Demonstrierende getötet.“, wird Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International, zitiert.
Proteste vor Aminis Todestag
Im Vorfeld von Aminis Todestag kam es im Iran wieder vermehrt zu Festnahmen. In mehreren Städten im Westen des Landes schlossen Ladenbesitzer aus Protest ihre Geschäfte. Am stärksten waren die Spannungen in Aminis Heimatstadt Saqqez: Bewohner berichten von Militärkonvois und schwer bewaffneten Einheiten.
Insgesamt haben die Repressionen im Schatten des Krieges gegen die USA und Israel wieder zugenommen. Laut der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) wurden heuer bereits 562 Todesurteile vollstreckt. Mindestens 100 Menschen, die an den Massenprotesten Anfang Jänner teilgenommen haben, droht dieses Schicksal, darunter mindestens fünf Kindern.
Source:: Kurier.at – Politik



