
Bei der Energieversorgung muss man heute auf alles vorbereitet sein: technische Defekte, Lieferschwierigkeiten, Sabotage oder zwischenstaatliche Konflikte. „Die Zukunft ist messy“, sagt Florence Gaub, Forschungsdirektorin am NATO Defense College beim diesjährigen Energiekongress in Wien. Was kommen wird, dazu ließe sich maximal eine fundierte Einschätzung erzeugen, nie eine absolut gültige Aussage. Die aktuelle geopolitische Lage, mit handfesten Kriegen und Handelskriegen, zeige ganz klar: „Außenpolitik hat viel mehr mit Psychologie zu tun, als mit irgendeinem anderen Bereich.“
Man darf sich nicht erpressbar machen
Europa befinde sich momentan in der schwierigen Lage zwischen einem potenziellen Aggressor und einem erratisch agierenden Verbündeten, der in Fernost eine größere Bedrohung sieht. Der Auftrag sei klar: Europa muss eine glaubhafte, abschreckende Wirkung erzielen. Im Energiebereich steht der Kontinent dabei schlechter da als im militärischen Bereich, so Gaub. Es sei noch viel zu tun, um sich hier widerstandsfähiger zu machen und einen Grad an Unabhängigkeit zu erreichen, der Europa nicht erpressbar macht.
„Wir werden den Zorn der Menschen spüren“
Energieexperte Johannes Benigni vermutet, dass der Irankrieg noch länger nicht zu Ende sein wird. Öl- und Gaspreise sollten dadurch hoch bleiben, worauf man rasch reagieren müsse. Wenn Lebenserhaltungskosten durch die hohen Energiepreise explodieren, „werden wir den Zorn der Menschen spüren“. Benigni empfiehlt deshalb, Gaskraftwerke aus dem Emissionshandel zu entfernen. Das sei zwar schlecht fürs Klima, aber „wir brauchen Gas und haben noch keine Alternative“.
Resilienz sei aber nicht nur wegen der Weltpolitik notwendig, sondern auch wegen drohender Extremwetterereignisse durch den Klimawandel, sagt Gerald Tretter von der Managementberatung BearingPoint. Es sei wichtig, sich als Unternehmen strukturell robust aufzustellen, aber auch operativ resilient, um flexibel auf Ereignisse reagieren zu können.
Lokale Produktion schafft mehr Unabhängigkeit
Im Energiebereich helfe lokale Produktion sehr dabei, Souveränität zu gewährleisten, sagt Kavita Surana von der Wirtschaftsuniversität Wien. Auch Erwin Raffeiner, CEO von Spracher Automation, betont auf dem Energiekongress die Wichtigkeit von lokaler Wertschöpfung. „Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur und Lieferkettenblockaden sind die Kanonenrohre der Zukunft“, so Raffeiner. Durch die Wahl lokaler Partner bei der Energieversorgung verringere man die Abhängigkeit von Importen, erhalte Arbeitsplätze und halte wertvolles Know-how im Land. Auf diese teilweise nicht-monetären Vorteile sollte in Beschaffungsprozessen mehr Wert gelegt werden.
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



