Die Sprengmeister des Menschenbilds: Albertina zeigt „Picasso – Bacon“

Kultur

„Manche Leute schauen diese Bilder an und sehen nur Dollarzeichen“, sagt Michael Peppiatt. „Die Klugen aber sehen die Bilder und die Dollarzeichen.“

Der britische Kunsthistoriker, der den Maler Francis Bacon (1909–1992) Anfang der 1960er kennenlernte und von da an in ständigem Austausch mit ihm stand, ist das Mastermind hinter der großen Ausstellung, mit der die Albertina gleichsam das Abschlussfeuerwerk zu ihrem 250. Bestandsjubiläum zündet. 

71 Werke von zweien der wichtigsten – und am Markt teuersten – Malern des 20. Jahrhunderts finden sich in der Basteihalle in beeindruckender Dichte arrangiert, an dunklen Wänden gehängt und brillant ausgeleuchtet.

Alles in dieser Schau ruft „Luxus“, und ein solcher war es für die Institution wohl auch – ohne exakte Zahlen zu nennen, gibt Direktor Ralph Gleis zu verstehen, dass das Museum für Transport und Versicherung der aus aller Welt herangeschafften Werke, deren Wert teils in dreistellige Millionenbereiche geht, an seine finanziellen Grenzen ging. Nicht nur wegen anstehender Sparmaßnahmen wird man eine Schau dieses Formats in Wien wohl so bald nicht mehr sehen.

Treibstoff

An die Essenz geht auch das Versprechen im Titel der Ausstellung: „What It Feels Like to Be Human – Wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein“ – nichts weniger als diese Einsicht soll man also angesichts der Meisterstücke gewinnen können. 

Tatsächlich ist der Satz ein Zitat Francis Bacons, geäußert im Rückblick auf die oft insektenhaft gelängten Figuren, die Picasso um 1929 malte. Ein Beispiel dafür, eine „Badende“ aus dem Museum of Modern Art in New York, hängt zur Einstimmung am Beginn des Parcours.

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Knotenpunkte

Es ist dieser sogenannte „surrealistische“ Picasso, der dem jungen, wegen seiner Homosexualität aus dem repressiven Elternhaus verbannten Maler Bacon früh als Leitstern galt. Die Auseinandersetzung mit der Formensprache des Spaniers ist im Auftaktsaal der Schau visuell gut nachzuvollziehen. Die ausgestellte „Kreuzigung“ Bacons von 1933 wurde schon kurz nach ihrer Entstehung neben Picasso-Werken publiziert: Der Körper erinnert darin weniger an den Gottessohn als an eine Gottesanbeterin, als Männerfresserin ein Lieblingstier der Surrealisten.

Auch Bacons unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstandene „Furien“ funktionieren gut als Resonanzkörper zu Picassos Kriegsreaktionen. Eine Studie zum berühmten Bild „Guernica“ (1937), das der Brite gleichwohl als „zu illustrativ“ empfand, wurde für den Vergleich eigens aus Madrid herangeschafft.

Doch wie weit ging die Verwandtschaft der beiden Großmaler, die einander nie persönlich begegneten, in der Folge? In einer Sektion führt die Schau vor, dass Picasso wie auch Bacon tief ins Reservoir der Kunstgeschichte eintauchten und Größen wie Diego Velázquez oder Edouard Manet als Sparringpartner nutzten, um innovative Bildideen zu entwickeln.

Andere Ausfahrt

All das ist gut belegbar. Doch wird in dem Arrangement der Albertina deutlich, dass Bacon – der Picasso oft ebenso als Inspiration wie als Reibebaum und Messlatte nannte – doch bald in ganz andere Richtungen abbog als der um 28 Jahre ältere Patriarch der modernen Kunst.

Bacons atemberaubende, von Velázquez abgeleitete Figurenbilder der 1950er zerlegen die Tradition von Herrscherporträts auf eine Weise, die bei Picasso keine wirkliche Entsprechung findet.

Auch die von beiden Künstlern praktizierte Auflösung des menschlichen Gesichts hat mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Die Schau zeigt hier Porträts, die Picasso um 1940 von seiner …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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