
Zwangsrekrutierungen, blutige Kämpfe und Anschläge mit zivilen Opfern, Massenvertreibungen und eine humanitäre Not, die seit Jahren gewaltig ist – und sich nun weiter zuspitzen dürfte: Es sind besorgniserregende Nachrichten, die derzeit aus dem Norden Äthiopiens nach außen dringen. Seit mehreren Monaten flammt dort der Konflikt zwischen oppositionellen Rebellengruppen und Streitkräften der Zentralregierung wieder auf. Im Fokus steht die Region Tigray, wo bereits von 2020 bis 2022 ein Bürgerkrieg tobte. Mit mindestens 600.000 Todesopfern gilt er als einer der opferreichsten Kriege des 21. Jahrhunderts.
Nun, knapp vier Jahre, nachdem im südafrikanischen Pretoria ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde, kehrt die Gewalt zurück: Die Beziehungen zwischen der äthiopischen Zentralregierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) haben sich stetig verschlechtert. Vereinbarungen des Pretoria-Vertrags wurden über die Jahre nicht umgesetzt. Im Mai wurde dieser dann de facto aufgelöst, als die TPLF einen vor dem Krieg bestehenden Legislativrat wieder einsetzte und dessen Vorsitzenden zum Regionalpräsidenten ernannte. Die im Abkommen festgelegte Übergangsregierung in Tigray war damit Geschichte.
Allianz gegen den Ministerpräsidenten
Gemeinsam mit den sechs wichtigsten bewaffneten Gruppen aus mehreren Regionalstaaten Äthiopiens gründete die TPLF daraufhin zudem die „Allianz für das Überleben“. Politisch eint die Gruppen zwar eigentlich wenig, aber sie haben ein gemeinsames Ziel: Premier Abiy Ahmed zu stürzen. Dieser kam 2018 ins Amt und beendete damit die jahrzehntelange politische Vorherrschaft der TPLF. Nur ein Jahr später wurde ihm für den Friedensprozess mit Eritrea der Friedensnobelpreis verliehen. Heute wird ihm vorgeworfen, den Vielvölkerstaat zunehmend autoritär zu regieren.
Sowohl die Allianz als auch die äthiopische Armee werfen einander vor, einen Krieg vorzubereiten. Beide Seiten sollen Truppen entlang der Grenze der Krisenregion zusammengezogen haben. Nachdem sich kleinere Zusammenstöße gehäuft hatten, eskaliert die Lage nun offenbar völlig: Ende September stürmten TPLF-Kämpfer drei Flughäfen in der Region und besetzten diese; Bodenoffensiven weiten sich auf benachbarte Regionen aus. Am Donnerstag wurden erstmals Drohnenangriffe der TPLF-Rebellen in der Hauptstadt Addis Abeba gemeldet. Der Konflikt könnte damit ein völlig neues Niveau erreichen, warnen Beobachter.
Droht ein Flächenbrand?
Zudem wächst die Sorge, dass sich der Konflikt zu einem gewaltigen Flächenbrand am Horn von Afrika auswachsen und nach Eritrea und in den Sudan überschwappen könnte. Die äthiopische Zentralregierung wirft den beiden Nachbarländern vor, die Rebellen zu unterstützen; sie bestreiten eine Einmischung.
Die Beziehung zwischen Äthiopien und Eritrea ist ohnehin seit Längerem hoch angespannt: Obwohl im Bürgerkrieg noch Seite an Seite gegen die TPLF gekämpft wurde, ist Eritrea nicht in das Waffenstillstandsabkommen eingebunden. Dazu kommt ein schwelender Streit über den Zugang zum Roten Meer, auf den der Binnenstaat Äthiopien drängt. In Eritrea wird befürchtet, dass Addis Abeba versuchen könnte, den dortigen Hafen Assab gewaltsam einzunehmen.
Am Donnerstag folgte der vorläufige Tiefpunkt: Die beiden Länder brachen ihre diplomatischen Beziehungen ab. Die Afrikanische Union (AU) hat daraufhin alle beteiligten Staaten zur maximalen Zurückhaltung aufgerufen, um den Frieden und die Stabilität in der Region nicht weiter zu gefährden.
Source:: Kurier.at – Politik



