„Mozart und Salieri“: Sternstunde mit grässlichem Kichern

Kultur

Das Landestheater Niederösterreich kündigte auf der Website für Freitag und Samstag – also noch heute, 3. Oktober – „Mozart und Salieri“ als Gastspiel des Badischen Staatstheaters Karlsruhe an. Und zwar „von Andrej Agranovski und Nils Strunk“. Da wird man hellhörig. Immerhin ist Agranovski seit dem Herbst 2025 Ensemblemitglied des Volkstheaters in Wien. Und Nils Strunk begeistert schon seit Langem am Burgtheater – unter anderem mit Stefan Zweigs „Schachnovelle“.

In St. Pölten las man auf dem Plakat unter besagtem Titel aber etwas anderes: „von Alexander Puschkin und Peter Shaffer“. Aha. Also doch wieder nur ein „Amadeus“-Aufguss, also jenes zweiaktigen Stücks aus 1979 (auf Basis von Puschkins Drama aus 1832) über die Rivalität der Komponisten, retrospektiv erzählt von Antonio Salieri? Puschkin vertrat bekanntlich die These, dass Salieri Mozart vergiftet hätte, da er in ihm eine von Gott gegebene Genialität erkannte.

Beide Angaben stimmen irgendwie. Die wunderbare Produktion (Premiere war am 20. September 2020) folgt der Dramaturgie von „Amadeus“, aber in der Regie von Nils Strunk wurde ein echter Nils-Strunk-Abend daraus, der halt nicht von Nils Strunk (oder Compagnon Lukas Schrenk) bestritten wird, sondern von Andrej Agranovski.

Und der vermochte auf gleiche Weise zu begeistern: Die Standing Ovations setzten in der Sekunde nach dem Ende ein. Denn auch Andrej Agranovski ist ein hervorragender Pianist (der keine Notenblätter braucht). Und darüber hinaus ein hinreißend wandlungsfähiger, energetischer Schauspieler.

Verhaltensauffällig

Die Nebenrollen, etwa Mozarts Ehefrau Constanze, wurden gestrichen, aber Agranovski liefert nicht nur einen Schlagabtausch zwischen dem diabolischen Salieri und dem „grässlich“ kichernden, betont verhaltensauffälligen Mozart, sondern verkörpert auch Joseph II., den österreichischen Kaiser. Zudem kommentiert er von hinten (an Mikrofonen mit Stereoeffekt) als männliche Klatschtanten, Venticelli genannt, die Ereignisse. Da gilt es, das nasale Schönbrunner-Deutsch zu bewältigen wie das Bassena-Wienerisch. Und beides schafft der Würzburger derart, dass einem die Spucke wegbleibt.

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Nils Strunk hat die Vorlage nebenbei, ohne zu übertreiben, mit Bezügen zur Gegenwart angereichert: Da schreibt der Streber Salieri eben auch ein Musical fürs Ronacher. Und Agranovski macht behände deutlich, dass Mozart seiner Zeit deutlich voraus war. Denn in seinen Variationen gleitet er ins Jazzige ab. Dafür gab es zurecht Zwischenapplaus.

Hinzu kommt die direkte Kommunikation mit dem Publikum. Salieri gesteht ein, dass der Neid auf Mozart an ihm gefressen habe, und Agranovski macht daraus eine befreiende Therapiesitzung: Nach anfänglicher Zurückhaltung stimmen (fast) alle in den Chor ein, auch schon einmal neidig gewesen zu sein. Später gibt es ein Quiz: Man soll sagen, von wem die Melodien sind. Wenn man sie nicht kennt, sind sie von Salieri. Welche Schmach! Doch einmal ist man im Wiglwagl. Nicht ohne Grund: Mozart hat eben Salieris „Willkommensmarsch“ plagiiert …

Völlig rätselhaft bleibt nach dem 90-minütigen Parforceritt: Warum wird dieses Solo nur als Gastspiel in St. Pölten gezeigt? Und nicht im Wiener Volkstheater, wo es definitiv hingehört?

KURIER-Wertung: 4,5 Sterne (von 5)

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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