Doku-Thriller über Caravaggio-Entdeckung: Es ist ein Meister, Oida!

Kultur

„Der Markt hat es eilig, denn er muss Geld verdienen. Der Kunsthistoriker aber muss die Wahrheit suchen“, sagt Nicolo Spinosa.

Der einstige Direktor des neapolitanischen Museumsverbands – grauer Schnauzbart, Spiegelglatze – entspricht dem Professorentyp, an den viele denken, wenn sie das Wort „Kunsthistoriker“ hören. Als solcher steht er in der Doku „Ecce Homo – Der verlorene Caravaggio“ in Kontrast zu slicken jungen Anzugtypen, die sich zwischen Vernissagen, luxuriösen Palazzi und Auktionshäusern bewegen und in Hinterzimmern von mit edler Kunst vollgestellten Geschäften geheime Strategiebesprechungen abhalten.

„Chiaroscuro“ nennen Kunsthistoriker das Spiel von Hell und Dunkel in Gemälden. Der Barockmaler Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) war berühmt für seine harten, dramatischen Kontraste. Doch auch wenn der spanische Regisseur Alvaro Longoria dieses Helldunkel in der Gestaltung seines Films bewusst übernimmt, fördert „Ecce Homo“ doch ein differenzierteres Bild zutage.

Abstufungen

Wenn ein scheinbar verlorenes Werk eines berühmten Künstlers plötzlich wieder auftaucht, authentifiziert wird und zur Auktion oder in ein Museum gelangt, greifen die Kräfte des Marktes und der Wissenschaft nämlich auf komplexe Art ineinander. Das prominenteste Beispiel ist wohl das Christusbild „Salvator Mundi“, das 2017 um den Rekordpreis von 450 Millionen US-Dollar versteigert wurde – auch wenn Zweifel an der Zuschreibung an Leonardo da Vinci nie verstummten.

„Ecce Homo“ schildert nun einen solchen Findungsprozess aus der Innenperspektive: Longorias Kameras sind hautnah dabei, als eine Darstellung des gegeißelten Christus, die eine ältere Dame in Madrid lange in ihrer Wohnung hängen hatte, um nur 1.500 Euro in einem Auktionshaus in der spanischen Metropole angeboten und dank Onlinekatalog von Experten entdeckt wird: Das Bild, so der Verdacht, könnte von Caravaggio sein.

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„Sleeper“, „Schläfer“, heißen solche verschollenen Werke in Fachkreisen, und Kunsthändler halten permanent Ausschau nach ihnen. Der Film zeigt, wie in der Branche ein Gefecht um das Bild entbrennt – lange, bevor die Öffentlichkeit etwas davon mitbekommt.

Unter Verdacht

Als sich ein Kunsthändler-Konsortium das Werk gesichert hat, geht die Arbeit erst richtig los: Gibt es einen Konsens der Expertinnen und Experten? Was enthüllt eine Reinigung und Restaurierung? Ist das Bild historisch dokumentiert, was ist seine Besitzgeschichte?

Ohne zu stark mit dem Finger auf einzelne Akteure zu zeigen und gegen den ach-so-undurchsichtigen Kunstmarkt zu polemisieren, wirft der Film Schlaglichter auf problematische Aspekte des Prozesses: Etwa, dass Expertinnen und Experten oft für ihre Gutachten bezahlt werden und dadurch korrumpierbar sein können.

Dem drohenden Reputationsverlust bei einer Fehlattribution steht dabei die Verlockung entgegen, im Rampenlicht zu stehen – und danach gieren auch so manch seriöse Professoren. „Der Altmeistermarkt sucht verzweifelt nach Anerkennung und Publizität“, sagt dazu der Journalist Scott Reyburn im Film. Ein noch so guter Caravaggio-Nachfolger interessiere außer einer Handvoll Experten heute niemanden, es müsse ein „Markenname“ sein. „Und Caravaggio kriegt immer Aufmerksamkeit.“

Die Ecce-Homo-Szene wurde schließlich an einen Privatsammler verkauft – mit der Auflage, das Bild im Madrider Prado auszustellen. Auch hier greifen Wissenschaft und kommerzielle Interessen ineinander, ist doch eine Museumspräsentation eine Art Ritterschlag für ein Werk. Das Feld bleibt also endlos komplex – und faszinierend.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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