
Ein Haus am Meer hat er sich einst erträumt. Nun ja, es wurde der Pazifik. Alcatraz. Dort sitzt der Hochstapler Viktor Lustig in einer winzigen Zelle als Nachbar der mittlerweile senilen Al Capone und erinnert sich an seine Karriere als charmanter Lügner und Betrüger. Wobei: Das mit der „Erinnerung“ stimmt genaugenommen auch nicht. Denn erstens kennt nicht einmal er selbst seine dutzenden Namen und Identitäten mehr – „Graf“ nannte er sich jedenfalls die längste Zeit – und außerdem: „Die Wahrheit ist viel zu langweilig für eine gute Geschichte.“
„Die (fast) wahre Geschichte des Viktor Lustig“ heißt dieser hinreißende Soloabend von Angelo Konzett im Wiener Schuberttheater. Es ist die erste Regiearbeit von Manuela Linshalm, Puppenspielerin, Schauspielerin und Doyenne des Hauses. Gemeinsam mit Angelo Konzett, der hier in mehreren Rollen als Schauspieler, Puppenspieler und Bühnenbildner auftritt, erzählt sie die Geschichte eines Trickbetrügers, den es tatsächlich gegeben hat. Victor Lustig (1890–1947), ein österreichisch-ungarischer Betrüger mit markanter Narbe auf der Wange, deren Geschichte er ebenso oft neu erfand wie seinen Namen und seine Herkunft.
Konzett hat seine Geschichte gemeinsam mit Regisseurin Linshalm und Simon Meusburger, dem Hausherrn des Schuberttheaters, neu erzählt. Diesem Viktor Lustig (im Schuberttheater wird er mit „K“ geschrieben) war es einst gelungen, Polizisten angebliche Gelddruckmaschinen anzudrehen, den Oberganoven Al Capone um den Finger zu wickeln und sogar den Eiffelturm zu verkaufen. Letzteres gleich zwei Mal. Er erzählte Stahlhändlern, der Eiffelturm müsse wegen zu hoher Wartungskosten abgetragen werden – ein fantastisches Geschäft!
Einzige Erinnerung daran ist nun ein Poster des Eiffelturms, das wie zum Hohn an der Wand seiner winzigen Zelle hängt. Hier fristet „Graf“ Viktor- seine letzten Tage, hustet sich die Seele aus dem Leib und sucht nach so etwas wie Wahrheit. Das Publikum begleitet ihn auf seiner Zeitreise, für die Darsteller Konzett mühelos zwischen den biegsamen Gitterstäben hervortritt. Die Klappmaulpuppe mit den müden Augen (wie immer von der tollen Puppenbauerin Soffi Povo) legt er ab und tänzelt als junger Mann durch seine vermeintlichen Erinnerungen, die ihn in seiner Trickbetrügerkarriere sogar ans Deck der Titanic gebracht haben sollen. Mit dabei hat er allerhand Kartentricks, ein entwaffnendes Lächeln und alle paar Minuten eine neue Identität. Elegant lügt er sich durch die Stationen dieser ratslosen Betrügerkarriere, deren Aufstieg mit nur wenigen Mitteln so glaubwürdig dargestellt wird: Gefängnisgitterstäbe werden quergestellt und so zum Schiffsgeländer der Titanic und ein animierter Ausschnitt des Eiffelturms nimmt uns mit in die Höhe.
Viktor Lustig, dieses kriminelle Genie, lächelt, tänzelt und lügt. Und kommt am Ende ins Straucheln. Oder doch nicht? Konzett und Linshalm gelingt hier ein kurzweiliges, zugleich berührendes und absolut sehenswertes Stück Gangstergeschichte. Was daran wahr ist, ist Nebensache, denn vielleicht ist es diesem Herrn Lustig ja sogar gelungen, sich selbst zu betrügen.
Source:: Kurier.at – Kultur



