Wie weitermachen? Das Dilemma der Überlebenden vom 7. Oktober

Politik

Osnat Peri blickt durch die Fenster ihres Neubaus: Blumige Vorgärten säumen nicht nur die zehn frisch bezogenen Häuser, auch im Rest des Kibbuz hat die Natur einfach weitergemacht. Umso größer ist der Kontrast zu den verkohlten Ruinen, die immer noch mitten in Nir Oz stehen – und zu den Detonationen der israelischen Bomben: Im Gazastreifen ist der Krieg noch nicht vorbei.

„Wenn die israelischen Panzer es am Siebten zu uns geschafft hätten, würde es da draußen nicht so idyllisch aussehen“, sagt Peri. Der Kibbuz liegt so nah am Gazastreifen, dass seine Bewohner früher oft mit dem Traktor zum Strand gefahren sind. Einfach durch Khan Younis hindurch. Und so nah, dass er vor drei Jahren zur Einfallschneise der Hamas wurde. Knapp 500 Terroristen und Plünderer sollen den kleinen Ort überrannt haben – von 386 anwesenden Bewohnern wurden 47 gleich umgebracht und 76 verschleppt. Die israelische Armee traf erst ein, als der letzte Terrorist bereits weitergezogen war.

Nir Oz wurde 1955 von den Mitgliedern der linken zionistischen Jugendbewegung Hashomer Hazair in einen Kibbuz verwandelt. Mit dem Glauben an Israel als sichere Heimstatt für alle Juden – aber auch der Annahme, dass man dafür mit den palästinensischen Nachbarn zusammenleben müsse.

Das Vertrauen verloren

Die Ruinen von Nir Oz gemahnen nicht nur an den Terror: Sie erzählen auch vom Vertrauensverlust in den eigenen Staat. Am einem der Häuschen hängt ein Plakat: „Netanjahu“, steht darauf: „Das Blut dieser Familie klebt an deinen Händen“.

Auch Peri und ihr Ehemann Chaim gehörten zur Bastion der alten Linken. Regelmäßig hatten sie palästinensische Kinder zur Behandlung in israelische Krankenhäuser gebracht, erzählt Peri. Wie alle im Kibbuz versteckten sie sich im Schutzraum ihres Hauses. Chaim Peri, der den Terroristen schließlich entgegentrat, um von seiner Frau abzulenken, wurde verschleppt und später in der Gefangenschaft getötet. Für Peri war es keine Frage, dass sie zurückkehrt: „Ich glaube, hier kann ich am ehesten heilen.“

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Wie weitermachen – es ist das große Dilemma der Überlebenden. Die Frage ist nicht nur, ob man das Trauma überkommen kann. Sondern wie man das Geschehene trotzdem für die Nachwelt bewahrt. Nur zwei Dutzend Bewohner sind bisher zurückgekehrt, die meisten erst in diesem Sommer. Es sind vor allem die Alten. Andere warten noch, bis ihre Häuser bezugsfertig sind. Einige wissen bereits, dass sie nie mehr hier leben können: Es sind vor allem die Familien mit Kindern.

Für den „guten Lärm“, wie die Rückkehrer sagen, sind nun die 18-Jährigen einer „Mechina“ zuständig. Eines Freiwilligen-Programms, das zumeist Schulabgänger aus dem religiösen Milieu auf den Militärdienst vorbereitet. Die Jugendlichen bevölkern dieser Tage nicht nur das wieder eröffnete Freibad. Für die Feiertage haben sie eine „Sukkah“ aufgebaut, eine „Laubhütte“.

Ron Bahat steht in seinem Büro und blickt auf den Häuser-Plan, den er eine Woche nach dem Massaker mit einem Farbraster versehen hat: Leichte Schäden bis völlig verbrannt. Klebepunkte stehen für die Verwundeten, Entführten und Ermordeten. „Ich dachte anfangs, es sei wie mit einem Kind, das vom Fahrrad gefallen ist.“ Man müsse es schnell wieder draufsetzen.

Er habe etwas gebraucht, um zu verstehen, wie unterschiedlich Menschen mit dem Trauma umgehen, sagt Bahat. Auf …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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