Literaturnobelpreis für Anne Carson: Uralt und doch so modern

Kultur

„Ich lese keine neuen Bücher. Die meisten Bücher, die ich lese, sind 2500 Jahre alt.“ Das hat Anne Carson einmal ungerührt gesagt, als sie nach einem aktuellen Buchtipp gefragt wurde. Ausgerechnet dieser Dichterin eine solche Frage zu stellen, war natürlich auch recht kleingeistig. Denn eine Reisende durch die literarischen Zeitalter wie Anne Carson lässt sich natürlich nicht vom schnelllebigen Buchmarkt behelligen.

Für ihre Fähigkeit, mythologische Stoffe in gegenwärtige Szenarien und Denkweisen zu holen, oder wie es die Schwedische Akademie formulierte: „ihr kühnes und erfindungsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat“, wurde Anne Carson am Donnerstag mit dem Nobelpreis für Literatur 2026 ausgezeichnet.

Die beste Sprache

Schuld ist irgendwie Sappho. Mit etwa 15 Jahren, so erinnerte sich die 1950 in Toronto geborene Kanadierin, fand sie ein Buch mit Gedichten der antiken Poetin – auf einer Seite auf Altgriechisch, auf der anderen auf Englisch. Die Leidenschaft für das Altgriechische war damit bei Carson entzündet. In ihrem Leben sei ihr nichts Wichtigeres begegnet als diese „beste“ Sprache. Sie studierte Altgriechisch und Latein, wurde Übersetzerin (von Euripides, Catull, Homer, etc.) und Dozentin.

Ihre Doktorarbeit war auch schon ihr erstes Buch: In „Eros, the Bittersweet“ verbindet sie Prosa, Poesie und Essay und zeigte gleich eindrücklich, dass sie sich nicht mit gewöhnlichen Erzähltraditionen zufriedengibt.

„Betreten auf eigene Gefahr“ lautete schon vor einigen Jahren der Titel eines Artikels der Neuen Zürcher Zeitung über „das Universum der Dichterin Anne Carson“. Und es stimmt, in diese Gedankenwelten sollte man sich schon intellektuell gerüstet begeben. Insofern ist ihre Kür zur Literaturnobelpreisträgerin in just jenem Jahr, in dem Homers „Odyssee“ dank Hollywood zur IMAX-Popkultur wurde, ein kesses Signal des Komitees: Nämlich, dass auch Literatur in der Lage ist, die Antike und vor allem ihre menschheitsbegreifenden Stoffe mit dem Heute zu verschränken. Und das um ein Vielfaches günstiger. Wenn auch vielleicht nicht so massentauglich.

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Carson tat dies zum Beispiel, als sie Marilyn Monroe und Helena von Troja in „Norma Jeane Baker of Troy“ verschmelzen ließ. Die Schönheit der Frau und was passiert, wenn mächtige Männer daraus politisches oder reales Kapital schlagen, ist nur die oberflächlichste Brücke, die sie schlägt.

Der schwule Herakles

Berühmt geworden ist Carson 1998 aber mit einer anderen Zeitreise eines mythologischen Motivs, jenem des Geryon aus der Herakles-Sage. Da ist er ein Monster, dem jene rote Stierherde gehört, die Herakles als zehnte seiner Aufgaben tötet. Anschließend erschießt er auch Geryon mit einem Pfeil, getränkt im Blut der Hydra. Schon Dante hat diese Figur des Geryon aufgegriffen, eine geflügelte Löwenschlange, als eine Art Verkehrsmittel zwischen den Höllenkreisen.

Anne Carson hingegen interessiert die Hinterlist des Herakles, bzw. wie der arglose Geryon eingefangen wird. In „Autobiography of Red“ (deutsch: „Rot“) ist er bei ihr ein 14-jähriger, hockeyspielender Bub, der hoffnungslos in den 16-jährigen Herakles verliebt ist. Gut geht diese Schwärmerei auch nicht aus. Dass das rote Ungeheuer Geryon hier wenig furchteinflößend ist, zeigt sich schon daran, dass von seinem „Schnäuzchen“ die Rede ist. Carson löst die Geschichte aus ihrer antiken Halterung heraus und collagiert sie in eine Mischung aus Prosa …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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