Chinas Rezept gegen die Einsamkeit: Ein erwachsenes Kind „mieten“

Politik

„Ich nenne dich ,mein Junge“, weil ich dich so gerne mag. Ich hab dich von Herzen gern“, begrüßt Zheng Ruizhi ihren Besucher überschwänglich. Die 75-jährige Chinesin hat einen Sohn, doch der wohnt zwei Autostunden von Peking entfernt und kommt seine Mutter nur selten besuchen. Seit sie sich vor Kurzem verletzte und ihre Erledigungen daheim nur noch mit Mühe bewältigen konnte, fühlte sich ihr Alleinsein noch schmerzvoller an. Umso freudiger strahlt sie, als sie Wang Yingwei in Begleitung eines BBC-Reporters in ihre kleine Wohnung bittet.

Der „Junge“, den sie herzlich umarmt, ist kein Verwandter, kein Pfleger und auch kein Essenslieferant: Er ist Chef eines kleinen Unternehmens, dessen Mitarbeiter vereinsamten älteren Menschen das Gefühl vermitteln, sie würden von ihren eigenen Kindern besucht werden. „Die älteren Frauen und Männer behandeln uns wie ihre Kinder, und wir behandeln sie wie unsere eigenen Eltern“, schildert Wang Yingwei dem BBC-Reporter.

Mindestens zwei Mal pro Tag schaut er bei der Pensionistin und seinen anderen Kunden und Kundinnen vorbei, bringt Essen oder Einkäufe, behebt kleine Probleme wie einen verstopften Abfluss, vor allem aber setzt er sich hin, tratscht, spielt eine kleine Runde Schach oder lässt sich die Sorgen und Gedanken seiner Gegenüber erzählen. Reden, wahrgenommen werden, sich nicht mehr einsam fühlen – darum geht es bei den Besuchen.

In China ist das ein Novum. Denn in der Volksrepublik mit ihren 1,4 Milliarden Einwohnern ist Einsamkeit oft mit einem Stigma behaftet. Früher war es die Familie, in der, wenn überhaupt, alles besprochen und geregelt wurde. Heute aber, wo viele Millionen Chinesen und Chinesinnen weit weg von ihren Heimatdörfern arbeiten, wo die Zahl der Kinder dramatisch sinkt und bereits mehr als ein Fünftel der Bevölkerung in Ein-Personen-Haushalten leben, sprechen viele Singles mit niemandem mehr.

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Offen über Gefühle zu sprechen oder gar Hilfe zu suchen, kann in der chinesischen Gesellschaft noch immer als Versagen oder als Schwäche ausgelegt werden. Über ihre Einsamkeit zu sprechen, empfinden denn viele Menschen als beschämend.

Mit dem Fernseher geredet

Wie die 91-jährige Pensionistin Yang. Sie fühlte sich nach dem Tod ihres Mannes oft so einsam, dass sie begann, mit dem Fernseher zu reden, „damit ich ein paar Stimmen höre“, erzählt sie ihrem „gemieteten Sohn“ Wang Yingwei. Der hat mittlerweile so viel zu tun, dass er schon vier Mitarbeiter eingestellt hat – und überlegt, weiter auszubauen.

Angesichts der stark steigenden Zahl von älteren Menschen in China gilt das Geschäft mit der Einsamkeit als bedeutender Wachstumssektor. Bis zu acht Milliarden Dollar ließen sich allein mit dieser „Begleitökonomie“ erwirtschaften, schätzen Wirtschaftsexperten. Und künftig noch mehr, denn bis 2035 soll die Zahl der Menschen in der Volksrepublik, die 60 oder noch älter sind, auf 400 Millionen steigen.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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