
Die israelische Doku „Naza“, derzeit im Kino, sorgt für Kontroversen. Über den Dächern von Tel Aviv führt Regisseur Yuval Abraham anonymisierte Interviews mit Ex-Soldaten aus dem israelischen Militär, die über die Kriegsführung in Gaza sprechen. Es geht um die Auswahl von Zielen, bei denen die Tötung von Zivilisten einkalkuliert wurde. Die Opfer laufen im Militärjargon unter „Naza“ und bedeutet „Kollateralschaden“. Seitens der israelischen Regierung wird scharfe Kritik an dem Film geübt.
KURIER: Herr Abraham, wo befinden Sie sich gerade?
Yuval Abraham: Ich bin im Ausland, genauer gesagt in London, bei der Zeitung The Guardian, die unseren Film produziert hat. Es sieht nicht so aus, als könnten wir – Rachel Szor und ich – in naher Zukunft nach Israel zurückkehren. Wir bekommen dort Todesdrohungen und sind einer Atmosphäre der gesellschaftlichen Empörung ausgesetzt. Ich hoffe, dass sich die Lage beruhigt. Wahrscheinlich wird das aber erst nächstes Jahr passieren, nachdem der Film in den Kinos lief und dann ab nächsten Monat online zu sehen ist (ab November steht Naza gratis im Internet). Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder zurückkönnen, denn Israel ist unser Zuhause. Rachel und ich stehen trotzdem zu unserer Entscheidung, den Film gemacht zu haben, selbst wenn es bedeutet, dass wir jetzt den Preis dafür zahlen und nicht mit unseren Familien und Freunden zu Hause sein zu können.
Kürzlich wurde in „Die Zeit“ im Zuge eines „Pro und Contra“ eine Polemik seitens eines jüdischen Journalisten gegen „Naza“ veröffentlicht. Sein Vorwurf lautete, dass es keinen Beweis für den Tod von 500 Zivilisten bei einem Bombenangriff gebe wie im Film behauptet; weiters, dass israelische Soldaten mit NS-Tätern verglichen würden und suggeriert werde, die israelische Regierung instrumentalisiere den Holocaust, um einen angeblichen Völkermord in Gaza zu verschleiern. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?
Dazu lässt sich viel sagen. Was die 500 „Naza“, also zivilen Toten betrifft, die nach Angaben einer der Soldaten bei einem von der Militärführung autorisierten Angriff ums Leben kamen, so handelt es sich um mehrfach geprüfte Fakten. Das sind nicht einfach nur Behauptungen von Soldaten, die wir gefilmt haben, sondern bestätigt durch rigorose Recherchen vor Ort – vom Guardian, aber auch von anderen investigativen Journalisten, etwa der New York Times oder Washington Post. Es handelt sich um fundierten Journalismus, der mit der Realität in Gaza übereinstimmt.
Und wie sehen Sie den Vorwurf, Ihr Film würde Gaza-Krieg und Holocaust in Zusammenhang bringen?
Es gibt zwei Menschen in dem Film, die über den Holocaust sprechen: Ein israelischer Soldat spricht darüber, wie er bei seinem Aufenthalt in Gaza beim Anblick der Palästinenser, die erschossen werden, während sie zur Lebensmittelverteilung laufen, zum Nachdenken gebracht wird. Er dachte an die Shoah und verstand plötzlich etwas Universelles über das Wesen von Täterschaft. Die andere Person ist Benjamin Netanyahu: Er spricht im Fernsehen und erwähnt den Holocaust als Reaktion auf die Haftbefehle, die der Internationale Strafgerichtshof gegen ihn erlassen hat. Und er sagt: „Wie kann es sein, dass das Völkerrecht, das nach dem Holocaust geschaffen wurde, heute den jüdischen Staat daran hindert, sich zu verteidigen?“ Es finden sich also zwei jüdische Israelis im …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



