
In „I got you babe“ von Sonny & Cher ist die Rede von zwei jungen Leuten, denen man sagt, sie hätten keine Ahnung von der Welt. Aber, singen sie beseelt, das macht nichts, sie haben ja einander. Was für eine Lovestory! In Wahrheit wurde Cher von ihrem Mann Sonny Bono physisch und psychisch misshandelt.
„I got you babe“ tönt es eingangs in Bert Zanders Interpretation von Goethes „Faust“ im Landestheater Niederösterreich. Eine programmatische Wahl, denn in dieser Inszenierung geht es nicht um Liebe, sondern um Missbrauch. „Faust Gretchen Margarethe“ wird aus der Perspektive Gretchens erzählt, vielleicht auch: Susanna Margaretha Brandts (1746–1772). Einer Magd, deren Schicksal als historische Vorlage gilt. Sie wurde mutmaßlich zu einer sexuellen Begegnung genötigt, infolgedessen schwanger und beschuldigt, ihr Neugeborenes getötet zu haben. Sie wurde hingerichtet.
Im Landestheater ist Gretchen, also Margarethe (Caroline Baas) ein argloser, Chips mampfender Teenie in Jogginghose, in den sich ein Mann in der Midlife-Crisis verschaut. Und Margarethe? Ob ihre „Ruh’ hin“ ist, weil ihr der ältere Herr imponiert oder gar, wegen seiner „edlen Gestalt“ gefällt? Oder fühlt sie sich schlicht unter Druck gesetzt? Um das, was Frauen, Mädchen, mitunter mitmachen, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen, geht es hier. Auch wenn es nicht explizite Gewalt ist, sondern einfach das Gefühl, mitmachen zu müssen, um gemocht zu werden. Das wird in diesem Abend für Menschen ab 14 glaubwürdig thematisiert.
Margarethe (in mehrfacher Ausführung, Baas wird von Mitgliedern des Stadtensembles assistiert) ist die einzige lebende Figur in diesem dunklen Raum, wir befinden uns angeblich in ihrem Kopf. Faust selbst ist in historischen Aufnahmen vom Band zu hören. Im Schnelldurchlauf wird ein Instagram tauglicher Readers-Digest-Faust serviert. In Videoclips treiben Laiendarsteller des St. Pöltner Stadtensembles in eigenen Worten die Handlung voran („Faust und Mephisto hatten Schiss vor den Bullen und hauten sich über die Häuser“), das Theaterensemble darf assistieren. Es wird gekalauert, ein bisschen viel. Das Reclamheft mit dem „Faust“-Text ist angestaubt (ja eh, aber: Gut ist er trotzdem, der alte Goethe). Auch der Musik ist zu viel des Guten, bekannte Songs als Interpretationshilfe einspringen zu lassen, ist etwas comicartig. Obwohl: Wenn bei der Osterglocken-Szene „Hells Bells“ von AC/DC angespielt wird, ist das ein ziemlich guter Gag. Ob man sich bei diesem inneren Monolog auskennt, wenn man die Geschichte nicht kennt? Die Botschaft kommt jedenfalls an.
Source:: Kurier.at – Kultur



