Im Surrealen liegt die Hoffnung: Ilse Aichinger im Burgtheater

Kultur

Mit ihrer knappen, assoziativen Sprache gehörte sie zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit ihrer „Spiegelgeschichte“ – ein Text, der das Leben rückwärts vom Ende zum Anfang erzählt und für den sie von der berühmten Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“ ausgezeichnet wurde.

Am 11. November jährt sich der Todestag von Ilse Aichinger zum zehnten Mal. Die 1921 geborene Wienerin schrieb einen einzigen Roman („Die größere Hoffnung“), er gilt als eines der Hauptwerke österreichischer Nachkriegsliteratur. Zudem verfasste sie Gedichte, Hörspiele und Prosastücke und war eine leidenschaftliche Kinogängerin. Noch im hohen Alter ging sie bis zu drei Mal am Tag ins Kino. Film war auch ein Medium, das ihr späteres Schreiben beeinflusste.

Einer ihrer wichtigsten Texte, „Das vierte Tor“, erschien nur vier Monate nach Kriegsende am 1. September 1945 im Wiener Kurier. Jenes „vierte Tor“, von dem der Titel erzählt, gehört zum Wiener Zentralfriedhof. Dort geht es zu dessen jüdischem Teil. „Die Tramway fährt so schnell daran vorbei, als hätte sie ein schlechtes Gewissen,“ schreibt Aichinger. Das Bild der Kinder, die auf dem Jüdischen Friedhof spielen, weil ihnen andere öffentliche Orte zu betreten verboten ist, greift sie danach in „Die größere Hoffnung“ auf. Aichinger erzählt darin von Kindern, die während der Nazizeit als jüdisch oder – wie die Hauptfigur Ellen – als halbjüdisch gelten und verfolgt werden. Es sind „Kinder, mit denen irgendetwas nicht in Ordnung war“, „Kinder mit falschen Großeltern, Kinder ohne Pass und ohne Visum.“

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Aichinger verarbeitet hier Autobiografisches, sie war selbst Tochter einer jüdischen Mutter und wurde kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs von ihrer Zwillingsschwester Helga getrennt, die mit einem der letzten Kindertransporte nach England entkommen konnte. Ilse und ihre jüdischen Verwandten blieben in Wien zurück. Ihre Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden verschleppt und im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Im Roman „Die größere Hoffnung“ wird das nationalsozialistische Wien nicht konkret benannt. Regisseurin Therese Willstedt, die den Roman im Akademietheater (Premiere ist am 22. 10.) auf die Bühne bringt, legt Wert auf den universellen Charakter dieser Erzählung: „Mir geht es um das Leid, das Erwachsene Kindern antun“, sagt Willstedt im Gespräch mit dem KURIER.

Die 1984 geborene Schwedin, die am Burgtheater unter anderem Thomas Bernhards „Auslöschung“ inszenierte, wurde über Umwege auf Ilse Aichinger aufmerksam. „Bei den Recherchen für ein Stück über Kinder im Krieg stieß ich auf Ilse Aichinger und war sofort fasziniert. Als ich das Angebot bekam, mit Stefan Bachmann nach Wien zu kommen, war Ilse Aichinger mein erster Vorschlag.“ Mit dem Dramaturgen Jeroen Versteele hat Willstedt nun eine Bearbeitung des Textes für die Bühne erstellt. Auch Menschen, die den Roman nicht gelesen haben, sollen das Stück verstehen. Aichingers Sprache soll jedoch keinesfalls simplifiziert werden, denn genau die ist es, die Willstedt begeistert. „Das Fragmentarische in Ilse Aichingers Sprache ist faszinierend. Ebenso ihr gekonntes Spiel mit Dramaturgie und ihr Umgang mit der sogenannten Realität. Für sie war die äußere Realität nie absolut. Sie hat, das sieht man auch im Roman, immer versucht, eine verdeckte Wirklichkeit zu finden. Ich stimme ihr zu, wenn sie sagt, dass …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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