
132 Arme fliegen durch die Luft. 66 Köpfe winden und drehen sich. Es ist eine Choreografie, die in den Bann zieht – wie eine optische Illusion. Im Mittelpunkt stehen junge Männer in Schuluniformen und der Star der Show: der schwedische Rapper Yung Lean. Die Tanzperformance im Musikvideo „Storm“ von Gener8ion sorgte international für Begeisterung und wurde heuer bei den MTV Video Music Awards sogar mehrfach nominiert, unter anderem als Video des Jahres.
Online wird es als „KI-sicher“ gefeiert: „Dieses Video ist der ultimative Beweis dafür, warum KI menschliche Kunst niemals ersetzen wird“, heißt es in der Kommentarspalte des Videos. Seit August 2026 kann sie das jedoch sehr wohl – und das Video wurde entsprechend oft mit den unterschiedlichsten Protagonisten nachgestellt. Eine Entwicklung, die vor allem Romain Gavras, dem Regisseur des Videos, sauer aufstößt.
„Es hat mich traurig gemacht – vor allem für all die Menschen, die so viel Arbeit in unser Video gesteckt haben. Ein solcher Trend kann selbst gute Arbeit plötzlich lahm wirken lassen“, sagt Gavras dem New York Magazine. „Ein Teil von mir wollte mit dem Filmemachen aufhören, zurück nach Griechenland ziehen und Olivenbauer werden.“
Ein Gedanke, der die Kreativbranche wohl beschäftigt. Denn was bleibt übrig, wenn KI Musik macht, Romane schreibt, Filme dreht und Gemälde malt? Werden klassische kreative Berufe künftig überhaupt noch gebraucht? Karsten Schwardt, Campus Manager des SAE Institute Wien, das u. a. Ausbildungen in den Bereichen Film, Audio und Design anbietet, kann den Frust nachvollziehen.
Menschliche Handschrift
„Wenn das Ergebnis monatelanger kreativer Arbeit mit wenigen Prompts und Klicks innerhalb kurzer Zeit reproduziert werden kann, stellt das den Wert dieser Arbeit scheinbar infrage“, sagt er. Aber: KI könne ein Ergebnis nur imitieren. Die ursprüngliche Idee, die künstlerischen Entscheidungen und der menschliche Schaffensprozess dahinter seien nicht einfach zu ersetzen, ist Schwardt überzeugt.
„Gerade deshalb halte ich es für falsch, sich auf einen Wettlauf mit der Technologie einzulassen.“ Die Frage solle nicht sein, was KI noch nicht kann, viel wichtiger sei, was Menschen erzählen wollen, welche Perspektiven sie einbringen und welche Emotionen sie auslösen. KI könne hier ein Werkzeug sein, um neue Ideen auszuprobieren und Prozesse zu vereinfachen. „Umso wichtiger ist es, dass wir in der Ausbildung junger Medienschaffender nicht nur technologische Kompetenzen vermitteln, sondern vor allem kritisches Denken, gestalterisches Urteilsvermögen und eine eigenständige kreative Handschrift fördern.“
Gleichzeitig brauche es faire Regeln für Urheberrechte, Transparenz und Vergütung. „Wir sind keiner Technologie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sondern haben die Möglichkeit, einen regulatorischen Rahmen zu setzen für das, was wir als schützenswert ansehen.“
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



