
Man fühlt sich automatisch an David gegen Goliath erinnert, auch wenn bei dem Staatsbesuch von Österreichs Kanzler Christian Stocker in China ständig von fairen Bedingungen, Wettbewerb auf Augenhöhe und gegenseitigen Interessen die Rede ist. Denn die Kräfteverhältnisse sind klar.
Seitdem sich China, Hauptkonkurrent der USA im Wettstreit um die wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt, mit Trumpschen Zöllen und diversen Handelsbarrieren konfrontiert sieht, überschwemmt die weltweit stärkste Exportmaschinerie den EU-Binnenmarkt mit seinen unschlagbar günstigen und technologisch meist gleichwertigen Waren. Das Handelsdefizit der EU mit China dürfte heuer schon deutlich über der zuletzt immer genannten Milliarde Euro pro Tag liegen.
Drittwichtigster Handelspartner
Das Missverhältnis gilt auch für das kleine Österreich. Obwohl eine ausgewiesene Exportnation, führt Österreich lediglich Güter im Wert von fünf Milliarden Euro nach China aus und importiert aus dem Reich der Mitte Waren im Wert von rund 17 Milliarden Euro – Tendenz stark steigend.
In Summe ist China damit hinter Deutschland und Italien zum drittwichtigsten Handelspartner Österreichs aufgestiegen. Doch mit keinem anderen Land der Welt ist diese Handelspartnerschaft derart einseitig, sprich das Handelsdefizit derart groß.
Großes Potenzial
Stocker will nun als Türöffner für weitere rot-weiß-rote Exporte und Investitionen und Beteiligungen in China fungieren. Es gilt, die bereits 60-jährigen Handelsbeziehungen mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zu vertiefen. Nach Auskunft des heimischen Wirtschaftsministeriums liegt das Exportpotenzial Österreichs nach China bis 2030 bei weiteren fünf Milliarden Euro. Wie das konkret gehen soll, weiß freilich niemand so recht zu sagen. Stocker spricht von „Luft nach oben“.
Den Kanzler begleitet auf dieser insgesamt recht schiefen Ebene eine große Wirtschaftsdelegation aus rund 50 Firmenchefs, die unisono die Bedeutung einer Reise im Windschatten der hohen Politik unterstreichen. „Gerade hier in China kann die Politik Türen öffnen“, weiß etwa der langjährige frühere Siemens-Chef und nunmehrige Kammer-Vize Wolfgang Hesoun.
Politisch werden für Stocker am Freitag die Treffen mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping und Premier Li Qiang die Höhepunkte seines Aufenthalts. „Wir wollen auf unserer Verlässlichkeit und der langjährigen Partnerschaft aufbauen“, sagt Stocker. Heikle Themen wie Chinas Rolle im Ukraine-Krieg auf der Seite Russlands würden wohl angesprochen. „Ich bin aber nicht hier, um China zu belehren“, sagt der Kanzler. Nur so viel: „Peking hat durchaus Interesse daran, dass die EU mit am Verhandlungstisch sitzt. Hier treffen sich unsere Interessen.“
Noch kein Handelsfriede
Aus Wirtschaftssicht ist Stocker der erste EU-Regierungschef, der China seit der Einigung mit Peking über eine Reduktion der chinesischen Exporte von Hybrid-Autos und Exporterleichterungen bei seltenen Erden bereist. Doch noch ist kein genereller Handelsfriede eingekehrt.
In Brüssel werden neue Handelsrestriktionen vorbereitet, sollte Peking die Gangart – etwa bei den seltenen Erden – wieder verschärfen. Stocker sieht sich in dieser Frage auf einer Linie mit Deutschlands Kanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die hier in der EU den Ton angeben. Es geht um die reichlich spät eingekehrte Erkenntnis, Europas Industrie mitsamt hunderttausender Jobs vor dem Aussterben zu schützen.
Das wollen auf ihren bevorstehenden Reisen nach China auch Polens Donald Tusk im Dezember und Italiens Giorgia Meloni im Jänner so halten. Es gilt, den Binnenmarkt mit seinen 450 Millionen, durchaus kaufkräftigen Konsumenten in die Waagschale zu werfen. Ob das …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



