Neuer Roman von Daniel Kehlmann: Nur ein paar Grenzen im Urwald

Kultur

Die Dinge wurden kompliziert, als Graf Imre Széchényi, österreichischer Botschafter in Berlin, einen schwer zu bewältigenden Csárdás, den Franz Liszt eigens für ihn komponiert hatte, am Klavier üben musste und folglich nicht an einem Kongress über Afrika teilnehmen konnte. Er schickte den Legationsrat Gustav Gustl Strinetzky. Dass dieser bisher mit Budgetfragen zu tun, aber von Außenpolitik keine Ahnung hatte, war nicht schlimm. Worum würde es da schon gehen? „Um nichts Echtes! Grenzen im Urwald! Flaggen zwischen Elefanten und Tigern. Dort wohnt eh niemand, also was soll’s!“

Gustl Strinetzkys ruhige Tage waren gezählt. Auf privater Ebene waren sie es da freilich längst. Die Probleme hatten damit begonnen, dass er sich statt der üblichen Servierdame eine junge Schauspielerin namens Mitzi zur Mätresse genommen hatte, denn Mitzi war anspruchsvoller, als es sein Beamtengehalt hergab. Der Legationsrat war in der finanziellen und bald auch in der persönlichen Bredouille. Noch vor der angeblich unwichtigen sogenannten Kongo-Konferenz war ein Ereignis in sein Leben getreten, das ihn selbiges zu kosten drohte: ein Duell. Ausgelöst durch eine Petitesse, normale Menschen würden sich entschuldigen, doch der andere war kein normaler Mensch, sondern „ein Preuße“.

Daniel Kehlmanns neuer Roman „Afrika“ erzählt vom Winter 1884, als sich Vertreter von vierzehn Mächten in Berlin versammelten, um über die Zukunft Afrikas zu verhandeln. Darunter das Deutsche Reich, Großbritannien, Frankreich, Belgien, die USA, das Osmanische Reich, Österreich-Ungarn, Russland und Spanien. Afrikanische Vertreter waren nicht dabei. Es ging um Handelsfreiheit und territoriale Ansprüche europäischer Mächte. Und um das, was Kehlmann im Nachwort als eines der „größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte“ bezeichnet: Eine Großmacht nach der anderen erkannte die Flagge des belgischen Königs Leopold II. im Kongo an. Der Kongo wurde zum Privatbesitz Leopolds, der dort eine Schreckensherrschaft etablierte.

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Wandelnder Diminutiv

Im Roman konzentriert sich Kehlmann auf die Stunden rund um die Konferenz. Sein Legationsrat, den er im Gegensatz zum klavierspielenden Botschafter und anderen Politikern erfunden hat, wird zum Berichterstatter der Ereignisse. Gustl Strinetzky klingt zunächst recht arglos, wie ein wandelnder Diminutiv. Ein bisserl lügen, ein bisserl betrügen. Hier die Gattin, dort die Mitzi. Da das Budget des Außenministeriums, dort irgendwelche anderen staatlichen Gelder. Man schupft und jongliert hin und her, es wird schon passen.

Auch in den höheren Diplomatenkreisen macht sich Strinetzky gut, denn er hat zwar keine Ahnung, aber sein Schweigen wird ihm als besondere Klugheit ausgelegt. Ebenso die sinnlosen lateinischen Aphorismen, die er von sich gibt: Keiner weiß, was sie bedeuten und natürlich gibt das keiner zu. Hinter dieser gemütlichen Fassade – und zwar nicht nur der des Legationsrates, der ist ein gewöhnlicher Opportunist – liegen die Abgründe der Weltpolitik. Gerade weil Kehlmann ihre menschlichen Seiten so trefflich und unterhaltsam schildert, macht er sie in ihrer Grausamkeit kenntlich.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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