
Viele oder sogar die meisten wollten es nicht wahrhaben. Denn sie hatten sich assimiliert, für den Kaiser im Weltkrieg gekämpft, sie taten sich als Mäzene der Moderne hervor, gingen auf Sommerfrische und trugen Tracht. Sie waren Österreicher.
Aber nach dem „Anschluss“ im März 1938 setzte ein, was sich in Berlin abgezeichnet hatte: Die Nationalsozialisten machten der jüdischen Bevölkerung zunächst durch Verbote und Verordnungen das Leben zur Hölle, wenig später durch Entrechtung und Enteignung. Man wollte die Juden vertreiben, aber ließ sie bluten (indem man „Reichsfluchtsteuer“ verlangte). Welche Hürden es zu überwinden galt, zeigt eine monströse Schautafel.
Sie hängt in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Wien im Palais Eskeles. Und nun, als Faksimile, auch in der Dependance am Judenplatz – als Intro der Ausstellung „Heimatlos“ (bis 4. April 2027) über „Wiener Juden im Exil“. Ausgangspunkt für Direktorin Barbara Staudinger bildete ein Essay jenes Schriftstellers und NS-Widerstandskämpfers, der 1912 als Hans Mayer in Wien geboren worden war und ab 1955 das Pseudonym Jean Améry verwendete. In diesem stellte er die Frage, wie viel Heimat der Mensch braucht, um sich aufgehoben zu fühlen in der Welt. Seinem Kollegen Stefan Zweig zum Beispiel gelang es nicht, in Brasilien heimisch zu werden: Er nahm sich 1942 in Petrópolis das Leben.
Die von Caitlin Gura kuratierte Schau reißt anhand von (Familien-)geschichten diverse Fragestellungen an: Wann entkomme ich Europa? Ist Heimat dort, wo die Familie ist? Kann ich meine Träume am Leben erhalten beziehungsweise meine Karriere fortsetzen? Wie gehe ich mit dem Verlust von Gemeinschaft um? Und zunächst einmal: Was soll ich auf der Flucht mitnehmen? Auch Erinnerungsstücke? Und wenn ja: Welche?
Strategien gab es viele: Ilona Jellinek ließ ihre Wohnung in den letzten Tagen vor der Flucht nach Los Angeles fotografisch festhalten. Elsa Klarwill und ihr Sohn Victor nahmen nach Kenia Dirndl und Lederhose mit.
Gelungen ist die Gestaltung durch das Studio „solo ohne“: Da man an die Dokumente herangehen können soll, befinden sich die Absperrbänder nur vor den leeren Wänden. Und im zweiten Raum sieht es aus wie beim Umzug – oder im Abstellkammerl. Denn viele Vertriebene packten all das Mitgebrachte gar nicht aus. In der Hoffnung, zurückzukehren.
Schade, dass man dieses Thema nicht tiefer gehend beleuchtet. Oder sich – ob der beengten Raumverhältnisse – nur Aspekten widmet. Allein schon Stefan Zweig (zu sehen ist das Notizbuch für „Die Welt von Gestern“) wäre eine Ausstellung wert.
Source:: Kurier.at – Kultur



