Der Held hat kein Hirn, aber sein Körper ist klug

Kultur

Marie Gamillscheg: Doppelte Aufmerksamkeit bei ihrem „Aufruhr der Meerestiere“

Nur Meereswalnuss geht nicht. Für einen Roman braucht es auch eine Meeresbiologin. Aber man kann sich vorstellen, dass Marie Gamillscheg im Roman auf Menschen durchaus verzichtet hätte.

Die Meereswalnuss gehört zu den Rippenquallen, die dem Namen zum Trotz mit Quallen nicht verwandt ist.

Wie papierene Laternen segeln sie im Wasser und leuchten. Hirn haben sie keines, Augen haben sie keine, ein Herz haben sie nicht, aber einen intelligenten Körper, der alles ersetzt und die Meereswalnuss im Schwarm leben lässt.

Plage

Sie ist der eine Star in „Aufruhr der Meerestiere“.

Die erfolgreiche Meeresbiologin Luise spielt die ebenso interessante und ebenso rätselhafte Insel, auf die niemand kommen soll.

So klug die 32-Jährige ist – ihr fehlt die Körperintelligenz, die Geist und Seele in Balance hält. Stattdessen hat Luise Neurodermitis, Essstörungen hat sie auch – man könnte meinen: allles zur Abwehr der Welt.

Es wäre nicht möglich, mit ihr in Kontakt zu treten. Sie würde sich grußlos wegdrehen. Luise fand ihr Leben bei den Rippenquallen.

Aus Graz stammt sie und unterrichtet an der Universität in Kiel. Im Hörsaal meidet sie vor ihren Studenten auffallend den Begriff „invasiv“, obwohl Rippenquallen z. B. im Schwarzen Meer die Sardellen ausrotten, weil sie ihnen alles wegfressen (sogar Sardellenbabys fressen sie).

Keine Plage? fragt ein Student.

Luise findet eher Menschen als Plage: An der nord- und südamerikanischen Atlantikküste, wo die Tiere seit Millionen Jahren leben, war für Gleichgewicht gesorgt, weil es dort viele Feinde gibt. Es war der Mensch, der sie in Frachtschiffen (in den Ballastwassertanks) in Europa und Asien einschleppte.

  Neuanfänge und Jubiläen

Menschen, denkt Luise, können durchaus verschwinden. Die Natur braucht sie bestimmt nicht.

Der Öko-Teil in „Aufruhr der Meerestiere“ vermengt sich schön mit der Chance für Luise, ihr Leben endlich zu beginnen.

Denn für die Kieler Uni soll sie im Tierpark ihrer alten Heimatstadt Graz ein Forschungsprojekt leiten. Dort könnte sie sich dann auch mit ihrem Vater und ihrer Mutter auseinandersetzen, die sie der Jugend in Rollenbilder pressten, sodass es jetzt über sie heißt:

Luise hat nie gelernt, wie man Frau wird.

Das Außenleben der Tiere und Luisas Innenleben: Marie Gamillscheg (aus Graz) erregt doppelte Aufmerksamkeit; und bleibt dabei immer herrlich zurückhaltend; und täuscht großartig Unkompliziertes vor.

Die Meereswalnuss bringt selbst in dreckigsten Gewässern Jungtiere zur Welt. In Gefangenschaft streiken sie, zerrinnen zu Wasser. In Schönbrunn gelang die Zucht.

 

Foto oben: die Meereswalnuss

Foto unten: Marie Gamillscheg

Marie
Gamillscheg:
„Aufruhr der Meerestiere“
Luchterhand
Verlag.
304 Seiten.
22,95 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

imago/SKATA/SKATA/Imago-Images
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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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