Die Wiener Stadthalle schupft noch einen Song Contest: Mach’s gut, altes Haus!

Kultur

Alte Gemäuer, konstruiert für die Anforderungen der Vergangenheit; außenrum eine Architektur, die es so längst nicht mehr gibt, zugleich zu groß und zu klein – und trotzdem funktioniert das Werkl irgendwie. Nein, die Rede ist nicht von Wien (okay, irgendwie schon auch). Sondern von der nur knapp jenseits von Bobohausen, am Bergeinsteig zum als rau verschrienen 15. Bezirk thronenden Wiener Stadthalle.

Eigentlich müssten wir zum Song Contest mit der U3 in die andere Richtung fahren, zu jener neuen Eventhalle, die schon 2025 hätte aufsperren sollen. „Hätte“, das ist natürlich immer schon das inoffizielle Motto dieser Stadt gewesen, und daher muss man sich wohl sputen, wenn die neue Halle zumindest zum nächsten Wien-ESC fertig sein soll, wann auch immer der ist.

So aber kommt das alte Haus noch einmal zur Ehre, jener wuchtige Roland-Rainer-Bau, der nur zwei Jahre jünger ist als der Song Contest an sich. Der Bau wurde, wie jedes neue Haus in Wien, von Anfang an schlechtgeredet, und war es nie: Zwar finden bis heute so unterschiedliche Dinge wie „Holiday on Ice“, das Wanda-Weihnachtskonzert oder mittelgroße Tourproduktion internationaler Popstars in einem Raumerlebnis statt, das vom architektonischen Großelternblick bestimmt wird. (Als die Stadthalle von 1953 bis 1958 errichtet wurde, hieß alles, was nicht Klassik war, noch „Jazz“.) 

Aber trotzdem: Diese Geschichtsaufladung prägt den Bau, der längst so sehr aus der Zeit gefallen ist, dass er den nigelnagelneuen Eventhallen in den Nachbarländern jedenfalls ordentlich an Charme voraushat. Und wenn man lang genug wartet, wird vielleicht sogar die 50er-Jahre-Architektur wieder in.

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Wien macht es sich also auch beim dritten Song Contest locationmäßig einfach in der Vergangenheit bequem. Man hat ja einen dementsprechenden Ruf zu verlieren. Es mag dies aber sogar in einem Aspekt helfen, bei dem sich der ESC eigentlich ein bisschen schwertut: bei der Verankerung in der Stadtbevölkerung, nämlich.

Im Schatten der Glasfront

Denn wer in dieser Stadt wohnt, ist mit der Stadthalle aufgewachsen; manche, wie der Autor dieser Zeilen, in ihrem Schatten. Hier lernte man schwimmen und eislaufen, hatte die ersten Popkonzerterlebnisse, spielte – so man einen Sport ausübte – Schülerturniere und traf in den 1980ern während des Ferienspiels Rainhard Fendrich. (okay, Letzteres mag nicht auf die ganze Stadt übertragbar sein; man grüßte ihn damals, er schaute weg).

Die Stadthalle ist ein Fixpunkt in einer Stadt, die sich stark verändert hat. Denn längst ist die Gentrifizierung schon ins Nibelungenviertel hinter der Stadthalle und noch weiter westlich vorgedrungen, längst führt an der Halle nicht mehr die Stadtbahn, sondern eine U-Bahn vorbei, die wohl aus Nostalgiegründen zumeist über der Erde fährt. Die Stadthalle jedoch spielt auch jene Stückerln noch, die für das Riesenevent gebraucht werden. Mach es gut, altes Haus! Du wirst das schon schaffen.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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