
Die Empörung war enorm: Nachdem vergangene Woche durchgesickert ist, dass die Bundesregierung im Zuge des Doppelbudgets bei Gesundheitskuren „ambulanter und individueller“ vorgehen und so 50 bis 75 Millionen Euro pro Jahr einsparen will, äußerten sich Opposition wie Ärzte kritisch. Der Sukkus der Kritik: Die Sparvorhaben seien „kurzsichtig und kontraproduktiv“. Immerhin fordere die Politik ja, dass ältere Arbeitnehmer länger im Job bleiben – warum also die Kuren abschaffen bzw. einschränken?
Auf den ersten Blick klingt der Einwand logisch.
Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer nimmt freilich eine völlig andere Position ein. Denn Pichlbauer bezweifelt, dass Kuren gesamtgesellschaftlich das leisten, was ihre Verfechter propagieren. Dass Kur-Ärzte ihr System verteidigen, ist für ihn kein Argument. „Wenn man den Sumpf trockenlegen will, dann darf man nicht die Frösche fragen“, sagt er zum KURIER. Tatsächlich gäbe es aber viele belastbare Argumente, die gegen das Kur-Wesen sprechen.
Ein Relikt
Das erste ist die internationale Perspektive. „Was wir in Österreich als Kur bezeichnen, kennt die internationale Wissenschaft in dieser Form überhaupt nicht“, sagt Pichlbauer. Die Idee, sich über Wochen von der Arbeit erholen zu müssen, stamme aus einer Zeit, in der es wenig Urlaubsansprüche, eine schlechte medizinische Versorgung und physisch viel belastendere Arbeitsbedingungen gegeben habe. „International nennt man das, was sich Österreich hier leistet, eine ,Spa-Medizin“.“ Studien, die gesellschaftlich positive Effekte durch das Kur-Wesen belegen würden, kennt Pichlbauer nicht.
Das Argument, dass man bei einer Kur freigespielt von den Sorgen des Berufsalltags an seinem Verhalten arbeiten könne, lässt der Experte nur zum Teil gelten. „Aus Untersuchungen von Rehabilitationsmaßnahmen wissen wir, dass eine stationäre Aufnahme nach vielen Wochen keine besseren Ergebnisse bringt als eine ambulante Rehab.“ Und gerade beim Wieder-Einstieg in den Alltag gäbe es mitunter große Probleme. „Eben, weil dann die Ernährung und der alltägliche Ablauf nicht zu den gesteckten Zielen passt.“
Für den Experten sind Kuren ein gutes Beispiel für das „Inverse Care Law“. Dieses Phänomen meint vereinfacht gesagt, dass ausgerechnet diejenigen, die die meiste medizinische Betreuung brauchen, diese am wenigsten bekommen, weil ihnen die finanziellen und intellektuellen Ressourcen fehlen. Umgekehrt profitieren jene überproportional vom solidarischen System, die besonders gesund sind und viel Geld haben.
Bei den Kuren macht Pichlbauer das an den Versicherten fest, die das Angebot in Anspruch nehmen. „Hier handelt es sich in vielen Fällen um öffentliche Bedienstete oder Mitarbeiter großer Konzerne. Angestellte von kleinen und mittleren Unternehmen fahren tendenziell seltener auf Kur, weil es sich in deren Arbeitsalltag ohnehin nicht machen lässt.“ Gerade in diesen Fällen seien Vorsorge-Maßnahmen möglicherweise aber besonders sinnvoll.
Anekdotische Erfolge
Das heißt nicht, dass Patienten von einem Kur-Aufenthalt nicht auch profitieren können. „Anekdotisch gibt es sicher Erfolge.“ Allerdings seien diese Fälle nicht repräsentativ für die Summe aller Versicherten in Österreich. Die erfolgreichen Kuren sind, sagt Pichlbauer, „versorgungswissenschaftlich nicht repräsentativ“. Anders ausgedrückt: Kuren verbessern den Gesamtzustand der Masse nicht bzw. nicht messbar.
Angesichts dieser Umstände plädiert der Experte nicht dafür, das Geld für Kuren ersatzlos zu streichen. Vielmehr gelte es, die Mittel in andere, mehr Erfolg versprechende Maßnahmen zu stecken.
Als Beispiel bringt er Selbsthilfegruppen. „Solche Maßnahmen sind in den Alltag der Menschen leichter zu integrieren. Und sie können gerade bei …read more
Source:: Kurier.at – Politik



