
Goldie wird sterben. Zuvor baut sie ihr Haus um, spielt die Mondlandung nach und geht in die Sauna. Dazwischen schmeißt sie noch ihren Vater raus und führt lange Gespräche mit ihrem Kater, dem sie Geheimnisse offenbart.
Klingt, zugegeben, etwas wirr. Und ist einfach großartig. „Tanzende Idioten“ von Thorsten Lensing, uraufgeführt im Jänner 2026 bei den Berliner Festspielen, ist kluger, tief berührender und ja: lustiger Abend – über das Sterben.
Denn das Sterben ist, wie das Leben, eine äußerst ambivalente Angelegenheit. Eben noch schwelgt man in Lebenslust, träumt von Frühling und Sommer, genießt noch den Herbst, und schon sind die letzten Wintertage da.
Der Abend beginnt mit einem Höllenlärm. Holzbretter knallen auf den Boden. Kurz danach lugt ein Kopf durch den Vorhang. Ein Mann mit nacktem Oberkörper schleicht auf allen Vieren hervor. Schnuppert, reckt sich, streckt sich, gähnt. Frisst geräuschvoll einen Räucherfisch, kotzt Gräten aus. Putzt sich, starrt ins Leere. Schon hat man vergessen, dass es sich um einen Mann auf allen Vieren (Sebastian Blomberg) handelt. Dies ist eindeutig ein Kater. Kater Apollo, Mitbewohner von Goldie (Ursina Lardi).
Goldie, geboren um die Zeit der Mondlandung, wie sie dem Publikum erzählt, stirbt an einer schweren, nicht näher beschriebenen Krankheit. Sie kann sich kaum mehr bewegen- ein Gabelstapler, der für die kommenden 2,45 Stunden zum wichtigsten Requisit (Bühne: Gordian Blumenthal, Ramun Capaul) wird, fährt sie herum. Der Kater ist froh über die mangelnde Mobilität Goldies, so kann er ungestört auf ihr herumliegen.
Goldie indes will ihre Wohnung umbauen lassen, mittels Holzwand möchte sie Wald, Natur, Jahreszeiten hereinholen. Außerdem will sie eine Glasdecke, um Himmel, Mond und Sterne nahe bei sich zu haben. Weiters stört Goldies Vater Tony samt neuer Flamme Virginia (André Jung, Karin Neuhäuser) die Ruhe des Katers. Beide tauchen bei Goldie auf, bevor sie mit dem Camper ans Meer fahren. Sie wollen sich beeilen, schließlich, so Vivian, sehe man ja an Goldie, wie schnell alles vorbei sein kann.
Und Goldie weiß es selbst: „Der Tod duzt mich schon“. Während die scheinbar fitten, offenbar sehr an sich selbst interessieren Alten nur an den bevorstehenden Paddelurlaub denken, verliert Goldie täglich an Kraft. Alles, was einmal wichtig war, die Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe „war Schwindel“ im Vergleich zu ihrem Wunsch, einfach nicht zu sterben.
Rau und brutal ist der Ton hier zuweilen. Dann wieder zärtlich und tief berührend. Goldie versucht, in den letzten Momenten alles Leben aufzusaugen, das sie noch bekommen kann. Wie sie denn als Baby war, will Goldie vom Vater wissen. „Unser eigener Anfang liegt für uns im Dunkeln. Das ist, wie wenn man ein Buch bei Seite 80 beginnt und den Rest nicht mehr versteht.“
Goldies Vater wiederum hat nur mehr diesen Anfang, von dem sie nichts weiß. Er hat immer mit Goldie geredet, als sie noch im Bauch der Mutter war. Vielleicht würde seine Tochter ihn anders sehen, wenn sie das wüsste? Sie weiß es eben nicht. Sie schmeißt die beiden vergnügungssüchtigen Alten raus.
Dieser von Zitaten des US-Schriftstellers Denis Johnson durchsetzte Text ist bestechend schön und klug (Text und Regie: Thorsten Lensing). Was er nicht erklären kann oder …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



