
Niemand in diesem Text hier ist Kommunist, und dennoch kann man Karl Marx auch dann zustimmen, wenn es nur um die Langspielplatte geht: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, schrieb Marx einst, und das gilt ein wenig überraschend auch in Bezug auf das Musikhören. Das besteht heute meist daraus, am Streamingdienst aus Millionen Dateien die nächstliegende auszuwählen – und sich dann dem Algorithmus zu ergeben, der einfach weiterspielt.
Dass es etwas anderes ist, wenn man bewusst aus einem begrenzten Reservoir – der eigenen Plattensammlung – eine auswählt, sie auf den Plattenspieler legt, die Nadel vorsichtig aufsetzt und dann für rund zweiundzwanzigeinhalb Minuten bewusst Musik hört, diese Erkenntnis hat sich zuletzt wieder ein wenig mehr durchgesetzt: Vinylplatten haben, nachdem sie in den 1990ern fast verschwunden waren, ein Comeback erlebt und machen heute einen zwar kleinen, aber nennenswerten Teil des Musikmarktes aus.
Das freut Konrad Paul Liessmann.
Ritual
Der Philosoph, der gerade beim Philosophicum Lech über „Betreutes Denken“ sinnierte, ist bekennender Vinyl-Fan. Denn die Art, wie man hier Musik konsumiert, „hat etwas Rituelles“, wie er im KURIER-Gespräch betont, es geht ums Sein und ums Bewusstsein. Weil man selbst als Musikhörender immer eine kleine Musikhör-Performance hinlegt? „Natürlich, das ist ein Habitus, den man einnimmt – auch wenn ich mir alleine etwas anhöre“, sagt Liessmann, der am kommenden Freitag (2. 10.) im Stadttheater Wiener Neustadt über „Die Fülle des Wohlklangs“ sprechen wird.
„Das hat das diesen leicht rituellen, gestischen Charakter, ähnlich wie bei einer Tee-Zeremonie. Und das bewirkt, dass, wenn ich eine Schallplatte auflege, dann wirklich auch ganz bewusst Musik hören will. Da gibt es kein Nebenbei, kein Weiterwischen, das ist nicht flüchtig. Dieses rituelle Hören beginnt damit, dass man sich selbst bewegen muss: Man muss aufstehen und zum Plattenspieler hingehen. Meiner schaltet sich auch nach dem Ende der Aufnahme nicht aus, man muss ein zweites Mal aufstehen, um die Nadel hochzuheben. Das schafft ein anderes Verhältnis, eine andere Beziehung, nicht nur zum Objekt, nicht nur zur Schallplatte, nicht nur zum Player, sondern auch zur Musik.“
Ein anderes Verhältnis als beim Digitalen? „Wir unterliegen wegen der universellen Zugriffsmöglichkeit in der digitalen Welt bestimmten Überdrussphänomenen. Es gibt die Theorie, dass bestimmte Formen von digitaler Askese beglückender sind als dieses – natürlich am Anfang unglaublich faszinierende – Gefühl, über alles verfügen zu können.“ Bei Vinyl wiederum wird die Musik „Ausdruck meiner Persönlichkeit, meiner Vorlieben und Möglichkeiten, sie wird sorgsam behandelt, gehört zu meinem Interieur und ist Teil meiner Geschichte und meiner Lebenswelt.“
Digital aufgelöst
Steckt da mehr dahinter, etwa beim Klang? „Audiotechniker sagen: Man hört als Mensch den Unterschied zwischen digital und analog gar nicht. Aber man spürt es vielleicht, dass ein analoges Signal einfach eine Schallwelle anders abbildet. Nämlich tatsächlich als Welle: Diese wird in einer Rille mechanisch abgebildet, von einer Nadel abgetastet und dann wieder rückübersetzt in eine Schallwelle.“
Und die Musikdatei? „Bei der Digitalisierung wird die Schallwelle mathematisch aufgelöst und in einen digitalen Code verwandelt. Das Analoge hat ein anderes Nahverhältnis zur Wirklichkeit. Es wird nicht transformiert in reine Zahlenverhältnisse.“ Darüber hinaus bekommen „jene Menschen, denen Musik wichtig ist, durch Vinyl die Illusion, …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



