
Es braucht schon sehr viele Worte, um aus dem unerträglichen Schweigen ein beredtes zu machen. Doch Philipp Gloger, Direktor des Volkstheaters, hat geschickt die Essenz destilliert: Er kombinierte und verdichtete zwei Stücke von Elfriede Jelinek, die eine ähnliche Aussage – und den gleichen politischen Hintergrund – haben. Das eine beschäftigt sich mit dem Massaker von Rechnitz in den Kriegsendtagen, das andere mit den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ab dem Jahr 2000 in ganz Deutschland. Die Opfer waren Juden beziehungsweise Menschen mit Migrationshintergrund – also „die anderen“. In beiden Fällen gehörten das Schweigen und Totschweigen zur Strategie.
Für Nürnberg, seiner vormaligen Wirkungsstätte, hatte Gloger dem österreichisch-deutschen Doppelpack Jelineks „Wolken.Heim“ (aus 1988) vorangestellt. Denn dieses Stück ergründet den philosophischen Überbau des Nationalismus, es hinterfragt Hegel und Heidegger.
Engel der Geschichte
Dem Konzept blieb Gloger bei seiner Wiener Neuinterpretation, die am Samstag bejubelte Premiere hatte, treu. Aber er ergänzte es um die Uraufführung „Das Lebewohl – nein: Die Ankunft“ (das auf einem Text über Jörg Haider aus dem Jahr 2000 basiert). Entstanden ist ein erschreckend solides „Haus“.
Gloger gelang zudem ein Clou: Er konnte Emmy Werner gewinnen, als „Engel der Geschichte“ und Zeitzeugin durch den langen Abend (dreieinviertel Stunden mit Pause) zu irrlichtern – und damit als Stellvertreterin von Jelinek. In ihrer Ära als Direktorin des Volkstheaters (von 1988 bis 2005) war es 1993 zur Erstaufführung von „Wolken.Heim“ gekommen. Zentral ist der von ihr gesprochene, von Gloger eindrücklich wie abwechslungsreich umgesetzte Satz: „Das Ende der Geschichte ist uns misslungen. Sie kommt immer wieder auf uns zu.“
Großen Anteil am Gelingen des durchaus wagemutigen Projekts hat Bühnenbildnerin Marie Roth. Um ihr kluges Konzept eines mehrstöckigen „Hauses“ zu durchschauen, braucht man jedoch Durchhaltevermögen.
Bei „Wolken.Heim“ sieht man nur ein Ziegelsteindach samt Rauchfang, in den die Kassandra Emmy Werner gleich einmal – kasperlartig und nicht ohne Widerstand – bugsiert wird. Das nachfolgende „Rechnitz – Der Würgeengel“ spielt zum Großteil in der Ruhezone einer Sauna (die Masseure und Fußpflegergerinnen berichten als „Boten“ über die Ereignisse), „Das schweigende Mädchen“ in der von Beate Zschäpe in Brand gesteckten Wohnung.
Die Terroristin hatte zuvor ihre beiden Katzen bei einer Nachbarin in Sicherheit gebracht: Diese haben in äußerst putzigen Plüschkostümen (von Franziska Bornkamm und Anna Lechner) einen fulminanten Auftritt – völlig unabhängig von Jelineks „Unter Tieren“, derzeit im Burgtheater.
Schlächter von Rechnitz
Aber jede und jeder des siebenköpfigen Ensembles (abgesehen von Emmy Werner mit Textbuch) darf zumindest in einem Solo glänzen, darunter Tjark Bernau als inaktiver Richter im NSU-Prozess, Josef Mohamed als begossener Pudel im Dienste der Rechnitz-Gräfin und Anna Rieser als antisemitische Putzfrau mit Salzburger Dialekt. Für absolute Stille sorgt Andrej Agranovski, der die Schaufel für das Massengrab der in Rechnitz erschossenen Juden 180 Mal wie ein Fallbeil in den Boden rammt: Mit der Zeit wird sein Gesicht zur zähnefletschenden Fratze.
Und Maximilian Pulst demonstriert, wie eine SS-Uniform abfärbt: Der Kellner beim Fest wird zum brüllenden Befehlshaber. Im Finale verkörpert er folgerichtig die Galionsfigur der Rechten.
„Das schweigende Mädchen“ hatte Philipp Gloger zuvor als absurde Farce und grelles Musical mit Spuren verwischenden Ermittlern inszeniert. Nun aber, quasi in der Gegenwart …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



