„Sankt Falstaff“ im Burgtheater: Atemlos durch die Macht

Kultur

Ach, wie sehr, wie zutiefst sie einander verachten, die Mächtigen. Man konnte es zuletzt mehrfach mitlesen, nicht nur bei Shakespeare. Nur eines überwiegt diese gegenseitige Niedertracht: Die Verachtung für jene, die beherrscht werden. Und trotzdem: Immer wieder fällt das Volk auf die gleichen Typen rein; jene, die vermeintlich für die „da Unten“ gegen die „da Oben“ kämpfen – bis sie an der Macht sind und genauso widerlich verachtend auf jene treten, die sie soeben emporgehievt haben.

Klar, das kann man live beobachten. Lieber sieht man es aber auf der Theaterbühne, und insofern ist „Sankt Falstaff“ von Ewald Palmetshofer tatsächlich so etwas wie ein Stück der Stunde, das nun im Burgtheater zu sehen ist.

Frei nach Shakespeares „Heinrich IV.“ skizziert der österreichische Autor, wie durchkorrumpiert die Häuser der Macht sind; und dass die einzige Würde in dem ganzen Spiel ausgerechnet jener derbe Säufer Falstaff birgt, der als Witzfigur in drei Shakespeare-Stücken den einfachen Menschen gibt.

Riesenrippen

Im Burgtheater sitzt man nun in den, sagen wir mal, Eingeweiden der Macht (Regie: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuter): Von unten blickt man in einen Brustkorb hinein, die bühnenhohen Riesenrippen heben und senken sich. Hier holt Falstaff (Birgit Minichmayr) auf der Bartoilette Harri (Tristan Witzel) das Erbrochene aus der Kehle. Eine Lebensrettung mit Folgen: Harri ist, liebe Grüße an die Klatschspalten, der verstoßene Sohn des Quasi-Königs Heinz (Maria Happel). Und rittert alsbald mit Hitzkopf (Bibiana Beglau), der eigentlich lieber Pipi machen würde, um die Macht. Denn Heinz ist sterbenskrank, so wie hier das ganze Land.

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Es geht so derb zur Sache, wie es nun mal nötig ist, in der Sprache findet sich all das wieder, was einen Körper so von innen ausmacht, und noch mehr. Mit einer Papierkrone auf dem Haupt simmert Heinz in den letzten Resten des eigenen Safts, während im Quasikönigsstaat alle anderen ihre Intrigenspiele abspulen. 

Das alles in einem techdystopischen Überwachungsstaat, der nah an den Politfetischen der Autokraten von heute gebaut ist: Dass ein! Mann! (Oliver Nägele) Frauenkleider trägt, ist schließlich deren wirkungsvollstes, wegen des Erfolges der Anti-Trans-Aufstachelei gerne benütztes Feindbild. Fließend schlüpfen die Figuren in alle Seiten dieses Machtspiels, Tim Werths zeigt, wie fließend die Übergänge von Polizeigewalt und Discotanz sein können. Am Schluss durchschaut Falstaff das Spiel – und ist dennoch gescheitert.

Man selbst hat den Grusel der letzten Tage der Demokratie mitgefühlt, und geht sorgenreicher in den Abend. Langer Applaus, nicht zuletzt von der zahlreich im Publikum vertretenen Burgtheaterprominenz.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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