
Eine junge Frau wurde vor Kurzem zur Führungskraft befördert. Eigentlich ein Erfolg – wäre da nicht ein Problem, das sich jede Woche aufs Neue zeigt. Am Ende eines Meetings fragt sie höflich in die Runde: „Wer möchte das Projekt übernehmen?“ Niemand meldet sich. Also macht sie es selbst. Dabei wüsste sie eigentlich, wem sie die Aufgabe geben wollte.
Solche Situationen kennt Business-Coachin Ursula Obernosterer-Cappello gut. „Ich habe die Kundin gefragt: ‚Was hält Sie davon ab, zu sagen: Person X, ich möchte, dass du das übernimmst?‘“ Die Antwort: „Ich möchte ja nicht bossy rüberkommen.“ Genau darin liege aber oft das Missverständnis.
Die zwei Sprachen der Arbeitswelt
Ursula Obernosterer-Cappello coacht überwiegend Frauen in Führungspositionen. Dabei beobachtet sie, dass manche möglichst schnell auf Augenhöhe arbeiten wollen: „Sie lassen ihren Titel weg, sind sofort mit allen per Du. Sie wollen keine Ansagen machen, stellen lieber Fragen und möchten schnell Teil der Gruppe sein, im Sinne von: Wir sind alle gleich“, erklärt die Expertin.
„Ich habe lange ähnlich gearbeitet und bin dann in ein männlich geprägtes Umfeld gekommen, in dem das nicht immer funktioniert hat“, erzählt sie. Aussagen wie „Das funktioniert nie“ habe sie anfangs persönlich genommen. Später habe sie gemerkt: Nicht jede direkte Formulierung sei automatisch als Angriff gemeint, sondern könne Ausdruck einer anderen Kommunikationsweise sein.
„Das heißt aber nicht, dass Frauen lernen müssen, männlicher zu kommunizieren oder dass es eine Männer- und eine Frauensprache gibt“, betont Obernosterer-Cappello. Es gehe weniger um Geschlecht als um unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse. „Manche gehen sofort inhaltlich in die Zusammenarbeit, blenden Hierarchien gerne aus. Andere brauchen zuerst ein klares Rollenverständnis, bevor sie inhaltlich werden: Wo stehst du, wo stehe ich?“ Das schaffe Orientierung und Klarheit. „Gute Kommunikation heißt nicht, immer gleich zu sprechen, sondern mehr als eine Möglichkeit zur Verfügung zu haben. Sozusagen zweisprachig zu sein.“
Aber welche Sprache ist nun die richtige?
Wer versteht, dass das Gegenüber Einordnung braucht, kann die eigene Kommunikation entsprechend anpassen – und direkter sagen, was er oder sie möchte. „Wer zu vorsichtig formuliert oder Aufträge nur als Fragen verpackt, läuft Gefahr, von Menschen mit einer stärker hierarchieorientierten Kommunikationsweise nicht ernst genommen zu werden“, erklärt sie. Und umgekehrt: Wer sehr direkt kommuniziert und klare Ansagen macht, könnte von einem anderen Kommunikationstyp als zu bestimmend wahrgenommen werden.
Wie erkennt man den passenden Sprachtyp? „Detektivarbeit“, sagt Obernosterer-Cappello. Wer etwa Titel betont oder Statussymbole demonstrativ zeigt, signalisiere damit möglicherweise, dass Hierarchie eine wichtige Rolle spielt. „Dann weiß ich: Diese Person legt Wert darauf, also kläre ich zuerst unsere Rollen.“
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



