Geistige Spurensuche

Kultur

Es ist kein bescheidenes Unterfangen: eine Darstellung Europas „vom frühen Christentum bis zur Aufklärung“ – mithin „vor seiner Entzauberung“. Der Untertitel könnte nahelegen, dem Autor ginge es um einen nostalgischen Rückblick, die Klage über eine untergegangene Welt, gar eine kulturpessimistische Geschichte des Niedergangs. Nichts davon. Freilich auch nicht das Gegenteil: also eine aufklärerisch gestimmte Fortschrittseuphorie, der zufolge sich Europa von der menschenfeindlichen, religiös geprägten Finsternis des Mittelalters hin zur humanistisch hell strahlenden Moderne bewegt habe.

„Gott ist überall“: Dieser Satz steht am Anfang und am Ende des Buches. Für Volker Leppin ist er eine Art Kurzformel für das vormoderne, also noch nicht „entzauberte“ Europa. „Dahin können wir nicht zurück“, schreibt er im Epilog, und fügt hinzu „und das ist auch gut so“. Dass er gleich im nächsten Satz betont, dass auch der Islam „nicht nur […] zu Deutschland, sondern auch zu ganz Europa“ gehöre, ist eine jener Reverenzen gegenüber dem Zeitgeist, welche der Autor immer wieder einstreut. Was nichts daran ändert, dass die Lektüre des umfangreichen Buches äußerst lohnend ist. Das geschichtliche und theologisch-philosophische Wissen Leppins ist stupend – mit souveräner Sicherheit geleitet er die Leser durch die Jahrhunderte, leuchtet auch die hintersten, teils heute skurril anmutenden Winkel christlicher Spiritualität aus.

Dabei mag der nicht ganz so geduldige oder mit der Materie prinzipiell schon vertraute Leser gelegentlich den Faden verlieren und manches überblättern. Das tut der Lektüre indes keinen Abbruch, da das Buch nicht chronologisch strukturiert ist, sondern nach Themen und dabei durch die Jahrhunderte springt.

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Leitend bei all dem ist das Bestreben des Autors, „sich das ungeheure kreative Potenzial der religiösen Welt der Vormoderne klarzumachen – wiewohl er unmissverständlich festhält: „Ich bin froh, in das Erbe der Aufklärung eingetreten zu sein.“

Keine Überlegenheit

Freilich weiß Leppin: „Hass und Gewalt sind ein Kontinuum der Geschichte, sei es in religiöser Gestalt oder säkularisierter Form.“ Die Schrecknisse des 20. Jahrhunderts aber auch jene, die uns aktuell in Echtzeit auf allen Kanälen begegnen „widerlegen einfache Erzählungen von der Überlegenheit der Moderne gegenüber der Vormoderne“.

Die Welt des christlichen Europas, so die Überzeugung des Autors, war eine andere. Aber auch unsere heutige Welt kann von jener lernen.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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