Indien: Wenn Kinder künftig per Gesetz für Eltern zahlen müssen

Politik

Die Tochter und der Sohn sind schon vor Jahren zuhause ausgezogen. Sie in die nächste Stadt, er sogar in ein anderes Land. Dort gibt es für sie bessere Jobaussichten. Mama, Papa und Großeltern bleiben zurück. Was nach einer gewöhnlichen Familiengeschichte klingt, verweist in Indien auf einen größeren gesellschaftlichen Wandel. „Die Versorgung der Älteren liegt in Südasien viel näher an der Familie als hier in Europa, aber das verändert sich aktuell“, sagt Borayin Larios, Forscher am Südasien-Institut der Universität Wien. Das traditionelle System sieht sich gefährdet.

Erzwungene Unterstützung

„Indiens Familiensystem ist ein integraler Bestandteil unserer Tradition und wird weltweit mit großer Neugier betrachtet und respektiert“, sagt Indiens Premierminister Narendra Modi bei einer Rede im Radio Ende Jänner. Lange konnte sich für die Verpflegung älterer Menschen auf das besagte Familiensystem verlassen werden. Doch das Modell gerät zunehmend unter Druck, weswegen in dem südindischen Bundesstaat Telangana zu Rechtsmitteln gegriffen wird.

Im März beschloss das Parlament des Bundesstaates den „Telangana Employees Accountability and Monitoring of Parental Support Act“ – kurz: „TEAMS-Bill“. Der Gesetzesentwurf sieht im Kern vor, dass 15 Prozent des Gehalts oder 10.000 Rupie (ca. 92 Euro), je nachdem, welcher Wert weniger ist, von erwerbstätigen Kindern direkt auf das Bankkonto der Eltern überwiesen werden soll – und zwar dann, wenn sie sich nicht ausreichend um die Eltern kümmern.

Kinder ersetzen Sozialsystem

„Wenn man in Indien alleine gelassen wird von seiner Familie, ist man sehr schwierigen Lebensbedingungen ausgeliefert“, sagt Larios. Während in Ländern wie Österreich verschiedene staatliche Pensions- und Sozialsysteme die Älteren der Bevölkerung unterstützen, ist das in Indien nur zum Teil der Fall.

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Laut aktuellen Umfragen profitieren nur etwa zwölf Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen von Pensionssystemen. Viele Menschen arbeiten in Positionen, wo es kein fixes Gehalt gibt und zahlen in keine Pensionsprodukte ein. Familien sind weitgehend auf sich alleine gestellt, privat für die Altersversorgung ihrer Eltern und sich selbst zu sorgen.

„Dabei geht es um mehr als finanzielle Unterstützung“, erklärt Larios. Traditionell gehören auch ganz praktische Aufgaben zur Verantwortung der Kinder: die Eltern zum Arzt zu begleiten, sie im Alltag zu unterstützen oder bei Krankheit für sie da zu sein. „Das kann man nicht mit einer Überweisung erledigen“, sagt er.

Ein weiteres Problem: In Indien ist die Zahl der Geburten rückläufig. Das betrifft besonders den Süden des Landes. Die Geburtenrate liegt dort durchschnittlich bei 1,9 Kinder pro Frau – einen Schnitt von 2,1 aber braucht ein Land, um dessen Bevölkerung stabil halten zu können. Dieser demografische Wandel alarmiert auch die Politik in der Region: Um das Kinderbekommen wieder attraktiver zu machen, verspricht der Ministerpräsident des benachbarten südindischen Bundesstaats Andhra Pradesh, N. Chandrababu Naidu, bis zu 40.000 indische Rupien (ca. 365 Euro) für jedes weitere Kind über zwei Kinder hinweg. „Kinder sind unser Vermögen“, sagt Naidu.

Die vergessenen Älteren

Im Internet finden sich unzählige Videos über die „vergessenen“ und „vernachlässigten“ Älteren und die „Wahrheit“ hinter den Wänden der Altersheime. Ein Faktor für diese Entwicklung ist die zunehmende Urbanisierung: Junge Menschen ziehen vom Land und aus Dörfern in die Großstädte. Auch, um dort mehr Geld zu verdienen und ihre Familien besser unterstützen zu können. Damit …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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