
Das Surren über ihren Köpfen sind die Menschen in Zaporischschja seit Jahren gewohnt. Die Stadt liegt nur 15 Kilometer von der Front entfernt, ständig kreisen hier Drohnen, viele Straßen sind deshalb mit Netzen überspannt. Sie sollen die verbliebenen 550.000 Einwohner vor den fliegenden Bomben schützen, Abwehrdrohnen gibt es viel zu wenige.
Den drei Menschen, die Anfang Juli durch eine russische Molnija-Drohne starben, halfen die Netze nicht. Sie wurden von Splittern einer Drohne getroffen, die in eine Wand neben einer Tankstelle krachte; die Studentin und zwei Mittvierziger hatten keine Chance. Über ihr Ziel hatte aber kein Mensch entschieden: Das machte eine Künstliche Intelligenz – komplett ohne menschliches Zutun.
Dystopie als Realität
In der Ukraine wird gerade Realität, wovor die Menschheit schon lange Angst hat: Maschinen, die eigenmächtig über Leben und Tod entscheiden, die Menschen zu reinen Objekten degradieren. In der New York Times, die den Fall dokumentiert hat, sagen selbst ukrainische Offizielle, wie sehr sie das beunruhigt: „In ein paar Jahren werden wir in einem ,Terminator‘-Film leben“, wird Serhiy Minaiev, Chef der Luftverteidigung der Region, zitiert.
Für Markus Reisner vom Bundesheer ist dieses Bild näher an der Realität, als man glauben mag. Der Angriff in Zaporischschja sei bei Weitem nicht der erste gewesen, sagt er. „Autonom agierende Drohnen sind mittlerweile Teil des Kriegsbilds in der Ukraine.“ Und nicht nur Russland setze die Technik ein, „beide Seiten machen das“. Die Ukraine verwende sie vor allem auf der Krim, wo Hornet-Drohnen selbstständig Nachschublinien oder Tanklaster anvisieren. Dass der Mensch dabei nicht die Letztentscheidung treffe, sei oft schlicht technisch bedingt – etwa durch Verbindungsabriss.
Schon nach 9/11
Vollautonome Drohnen sind der letzte logische Schritt in einer seit Jahrzehnten andauernden Entwicklung. Schon als die USA kurz nach 9/11 ihre Predator-Drohnen Raketen in Afghanistan abfeuern ließen, war das Entsetzen groß: Die Fluggeräte wurden aus sicheren Operationszentren in den Staaten gesteuert. Im Jemen töteten die Amerikaner nur ein Jahr später das erste Mal einen Menschen per Drohne, einen Al-Qaida-Funktionär; in den 2010ern setzten dann auch die Russen solche Systeme in Syrien ein.
Putins Invasion hat den Drohnenkrieg dann revolutioniert. Walzten die Russen anfangs alles mit Panzern nieder, sind nun 80 Prozent ihrer Einsätze unbemannt, schätzt der Think Tank CSIS. Die Ukraine, sagt Reisner, bekomme in puncto KI Hilfe von Amerikas „Techbros“: Palantirs KI Prisma verbessert per Echtzeitdaten die Treffgenauigkeit, die einst von Google mitentwickelte Pentagon-Plattform Maven filtert aus riesigen Datenmengen Ziele und gibt Kommandeuren Handlungsanleitungen. Die USA nutzen das System seit Jahren, auch Israel hat es etwa im Gazastreifen verwendet.
„Völkerrecht geht unter“
Rechtlich ist der Einsatz von KI im Krieg mehr als heikel, sagt Reisner, selbst Rechtswissenschafter. Die Drohne in Zaporischschja etwa war anfangs von Menschenhand programmiert, entschied aber letztlich autonom über ihr Ziel – eine Tankstelle, bei der dort gelagertes Propangas hätte explodieren sollen.
Ob die Drohne laut Programmierung zivile Opfer in Kauf genommen hat, sogenannte Kollateralschäden, ist schwer zu beweisen; es gibt kein internationales Regelwerk dafür. Denkbar ist es aber, denn Russland attackiert seit Jahren zivile Ziele; dass das ein Kriegsverbrechen nach der UN-Konvention ist, hat Moskau nie wirklich gekümmert. Das sei aber bei …read more
Source:: Kurier.at – Politik



