
Im Internet werden sie immer mehr, die anonymen Klagen. Da ist die Frau, deren Bruder gerade vom Einkaufen heimkam, die Zigarette noch in der Hand. „Vor dem Haus standen zwei Autos“, schreibt sie im Telegram-Kanal „Appell ans Gewissen“, 66.000 Menschen lesen da mit; die Männer in den Fahrzeugen hätten kurz mit ihm geredet und ihn „einfach eingepackt“.
Eine andere schickt hinterher, auch bei ihr sei es so gewesen, „sie haben Vater mitgenommen, nur weil er ohne Ausweis unterwegs gewesen ist“. Eine dritte schreibt, ihr Onkel sei von Gerichtsvollziehern verhaftet worden, „doch Schulden hatte er keine“.
Alle Männer sind mittlerweile an der Front, irgendwo in der Ukraine. Wie es ihnen geht, wissen die Frauen nicht, ebenso wenig, ob sie noch leben. Eine schreibt: „Sie haben mir nur gesagt: Wenn Sie Glück haben, können Sie ihn als Leiche identifizieren.“
Weniger Freiwillige
Seit viereinhalb Jahren schickt Wladimir Putin seine Soldaten Richtung Westen, um die Ukraine zu zermürben. Lange Zeit half dem Kreml dabei der Mythos, der den Russen schon während der letzten Jahrhunderte psychologisch half: Dem Riesenland würden nie die Soldaten ausgehen, hieß es stets.
In der Ukraine stimmte das nie wirklich. Schon ein dreiviertel Jahr nach Beginn der Invasion musste der Kreml seine Reservisten mobilisieren; 300.000 Männer wurden im Herbst 2022 eingezogen, eine Million floh daraufhin aus Angst aus dem Land. Seither setzt Moskau auf Freiwillige, verspricht Jahresgehälter von bis zu 60.000 Euro und hohen Antrittsprämien, was vor allem in ärmeren Regionen funktionierte. Wer sich verpflichtet, verdient bis zu fünfmal mehr als der Durchschnitt, dazu gibt es Sonderzahlungen im Todesfall, die bis zu 100.000 Euro reichen.
Wie Prigoschin einst
Nun scheint aber auch das nicht mehr zu reichen. Dem Kreml setzen die hohen Verluste an der Front zu, mindestens 9.000 Gefallene pro Monat zählt der Osteuropa-Experte Janis Kluge. Dazu kommen dramatisch sinkende Freiwilligenzahlen – die sind auf dem geringsten Wert seit drei Jahren.
Darum greift der Kreml auf andere Methoden zurück. Zum einen verpflichtet man wie einst Söldnerführer Prigoschin Häftlinge, denen die Freilassung versprochen wird. Daneben setzen die Behörden auch Zwangsmaßnahmen ein: Vor allem in ländlichen Regionen werden Männer einfach von der Straße weg an die Front verfrachtet, dazu erhielten viele Aufforderungen zum persönlichen „Datenabgleich“ in Wehrämtern. Dort werde man eingeschüchtert, es werde mit Haft wegen Lappalien gedroht, schildern Angehörige in Social-Media-Foren. Trunkenheit am Steuer etwa sei ein Weg in den Krieg, an Unis wird Studenten angeboten, schlechte Noten durch eine Verpflichtung auszubessern.
Das nährt die ohnehin schwelende Angst der Russen vor einer neuen Mobilisierung. Im Herbst nach den Dumawahlen im September sei die geplant, 500.000 Russen wolle Putin einziehen, sagte auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij; er berief sich dabei auf Geheimdienstinformationen. Zwar dementiert der Kreml, aber Insider bestätigten den Plan russischen Oppositionsmedien: Man habe „im Oktober etwas vor“, hieß es, nur werde man die Einberufungswelle nicht Mobilisierung nennen. Auch eine massive Ausweitung der anstehenden Musterung für 18-Jährige sei denkbar – derart junge Männer an die Front zu schicken, hatte der Kreml bisher vermieden.
Beliebtheitswerte fallen
Grund für diese Überlegungen ist nicht nur der Unwille der Russen, in den zunehmend unpopulären Krieg …read more
Source:: Kurier.at – Politik



