
Seit 50 Jahren bietet das Kulturzentrum Amerlinghaus im 7. Bezirk kostenlose Deutschkurse, Filmabende, eine selbstorganisierte Kindergruppe, Jugend- und Politikgruppen, künstlerische Aktivitäten migrantischer Gruppen sowie Musik-, Tanz- und Bewegungskurse – und vieles mehr. Wöchentlich sollen sich dort rund 70 bis 80 Gruppen treffen. Im Frühjahr wurde jedoch diskutiert, ob das Haus schließen muss. Die Förderungen des zuständigen Magistrats für Bildung und Jugend (MA 13) wurden gekürzt. Inzwischen steht fest: Das Zentrum bleibt vorerst bestehen – allerdings unter erschwerten Bedingungen.
Seit September gibt es etwa keine Büromitarbeiter mehr. Die letzte angestellte Person war Sîdal Keskin. Was das für das Amerlinghaus bedeutet?
KURIER: Das Amerlinghaus hat keine Angestellten mehr, stattdessen wird es in Selbstverwaltung geführt: Wie funktioniert das?
Sîdal Keskin: Wir sind noch im Lernprozess. Alle paar Wochen gibt es ein Hausplenum, bei dem sich Menschen treffen, die Interesse an Selbstverwaltung haben oder mitarbeiten wollen, das Haus zu erhalten. Es gibt eine Liste mit Bürodiensten, in die man sich als freiwillige Person eintragen kann. Außerdem gibt es Einschulungen für den Bürodienst von Kolleginnen, die bereits in Pension sind. Es ist sehr viel ehrenamtliche Arbeit, die hier an unterschiedlichen Stellen zusammenkommt.
Welche Aufgaben lassen sich ehrenamtlich auffangen?
Wir schauen, welche Büroarbeit essenziell ist und übernommen werden muss. Freiwillige übernehmen da einfachere Büroaufgaben, wie E-Mails beantworten. Soweit klappt das gut. Auf der anderen Seite fällt dadurch leider auch viel Arbeit weg, etwa die Programmarbeit, damit die Dinge, die stattfinden, nach außen kommuniziert werden und dadurch an Zugänglichkeit gewinnen. Wir versuchen, das wieder aufzunehmen, aber dafür brauchen wir noch Zeit.
Wie viel unbezahlte Arbeit ist notwendig, damit der Betrieb überhaupt funktioniert?
In der Bürogruppe gibt es 20 Personen. Wir werden kommendes Jahr noch weiter eingekürzt, deswegen versuchen wir im Hintergrund, eine Struktur aufzubauen, um Gelder aufzustellen, damit wir die Kosten des Hauses decken und weiterhin arbeiten können.
Man hört von Crowdfunding-Versuchen.
Genau. Wir probieren es auch mit Fördermitgliedschaften, bei denen monatlich ein kleiner Betrag gezahlt wird. So hätten wir eine gewisse Unabhängigkeit von Förderungen. Wir hoffen, dass wir dadurch nicht mehr auf nur eine Stelle angewiesen sind. Das war nämlich keine schöne Erfahrung, auf einmal so im Stich gelassen zu werden.
Warum braucht es Orte, wie das Amerlinghaus?
Es ist etwas sehr Besonderes. Im 7. Bezirk gibt es viele Kultur- und Kunstangebote, aber kaum etwas davon ist frei zugänglich. Wir vereinen Kunst und Kultur, aber auch Begegnungen unterschiedlicher Personen-, Alters- und Interessensgruppen. In dem Sinne passiert hier sehr viel Demokratiebildung sowie wichtige Bildungs- und Gesellschaftsarbeit.
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



