
Viele Jahre saß Michael Seiser hinterm Steuer eines Pkw und kurvte als Privatchauffeur durch die Stadt. Jetzt hantiert er mit Schraubenziehern und repariert Fahrräder. „Mit 62 gehört man halt schon zum alten Eisen, da kannst so gut wie nicht mehr vermittelt werden“, erzählt Seiser, während er sich einem Klappfahrrad widmet.
Mit Unterbrechungen arbeitet er nun schon seit rund vier Jahren bei der Radstation am Wiener Hauptbahnhof, einer vom AMS geförderten gemeinnützigen Einrichtung von Trendwerk. Die Radstation sei nach jahrelanger Jobsuche, wo er „für alles offen“ gewesen sei, eine „einmalige Chance“ gewesen, berichtet Seiser. Er startete mit 60plus noch einen beruflichen Neuanfang und machte eine Ausbildung zum Fahrradmechatroniker. Auch wenn nur noch wenige Jahre bis zum Pensionsantritt zu überbrücken seien, möchte er die Zeit mit sinnvoller Arbeit verbringen.
Ausbildungen und Praktika
In der Radstation ist die Beschäftigung auf neun Monate beschränkt, in dieser Zeit werden auch Ausbildungen und Praktika absolviert, um die Jobchancen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu verbessern. 115 Langzeitarbeitslose, darunter 14 Frauen, kamen im Vorjahr wieder „in die Gänge“, wie das Motto der Werkstatt lautet.
Etwa ein Drittel wechselt danach zu einem Betrieb, zehn Prozent zu einem anderen gemeinnützigen Unternehmen, der Rest kommt zurück zum AMS. „Im Schnitt bleiben die Beschäftigten drei bis sechs Monate bei uns“, sagt Radwerkstatt-Leiterin Lena Pieber. Neben dem Reparaturservice gibt es auch einen gut sortierten Radshop, einen Radverleih sowie eine 24 Stunden geöffnete Radgarage. An Berufen werden daher neben Fahrradtechnik auch Kfz-Mechanik, Sportartikelverkauf, Lagerverwaltung sowie Büro- und Reinigungsjobs angeboten. Bezüglich Reinigung gibt es am Hauptbahnhof eine Kooperation mit den ÖBB. Gearbeitet wird sieben Tage die Woche, die meisten sind 27 Stunden beschäftigt.
150 sozialökonomische Betriebe
Insgesamt gibt es in Österreich derzeit rund 150 gut vernetzte gemeinnützige Unternehmen wie die Radwerkstatt. Rund 20.000 langzeitbeschäftigungslose Menschen profitieren jährlich von diesen Einrichtungen, können dort Ausbildungen absolvieren oder Praktika machen. Viele davon kooperieren mit Partnern aus der Wirtschaft, etwa mit Spar, der Post oder den Salinen Austria. Angesichts der mehr als 103.000 Langzeitbeschäftigungslosen und dem starken Anstieg bei den Älteren sei der Bedarf an aktiver Arbeitsmarktpolitik noch weit größer, meint Manuela Vollmann, Vorstandsvorsitzende von „arbeit plus“, dem Dachverband der sozialen Unternehmen.
Kosten rechnen sich drei Mal
Die Kosten für das AMS, zuletzt 191 Mio. Euro – würden sich drei Mal rechnen, volkswirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial. „Das sind Investitionen, nicht nur Förderungen“, so Vollmann. Kürzungen in diesem Bereich hätten nicht nur ein längeres Verharren in der Arbeitslosigkeit zur Folge, sondern auch höhere Kosten in der Existenzsicherung Arbeitsloser. Und dem Staat entgingen auch Einnahmen durch weniger Beschäftigung.
Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl warnte daher vor Einsparungen beim AMS-Förderbudget. Laut längerfristigem AMS-Plan sollen im nächsten Jahr 180 Mio. Euro eingespart werden, 2028 weitere fast 200 Mio. Euro. Erste Einrichtungen berichten bereits von auslaufenden Verträgen. Zusätzlich sind rund 15 Prozent an Förderkürzungen in Diskussion.
„Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten dürfen wir bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik nicht sparen, denn das sind Investitionen in die Zukunft und in die Chancen der Menschen“, betonte Anderl. AMS-Vorstand Johannes Kopf hofft, dass angesichts der Konjunktur- und Arbeitsmarktlage das AMS-Förderbudget stabil bleibt.
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



