Maulwurfsbau und Wohlfühlanstalt: Die Pavillons der Venedig-Biennale

Kultur

Vielleicht hat der tschechisch-slowakische Beitrag den Geist des Moments am besten erfasst. In dem etwas versteckten Pavillon abseits der zentralen Allee der Giardini läuft ein Film, in dem ein Maulwurf, genauer: ein Mensch-Maulwurf-Mischwesen, die Hauptrolle spielt. 

Der Charakter nimmt auf eine tschechische Zeichentrickfigur und auf Franz Kafkas „Der Bau“ Bezug – und tritt hier als müdes Maskottchen der Kulturdiplomatie auf: Er präsentiert seltsame Objekte, hält Vorträge, versucht zu begeistern. Das Publikum aber findet sein Verhalten eher peinlich und wendet sich ab.

Der Beitrag des Duos Jakub Jansa und Selmei Kocka Jusko hätte vielleicht nicht den Goldenen Löwen bekommen – wobei sich die Spekulation durch den Rücktritt der Jury heuer erübrigt. Die Auftakttage wurden wie berichtet von Protestkundgebungen und einem von Anti-Israel-Aktivisten orchestrierten Streik zerrieben. Viele Pavillons knallten am Freitag dem Fachpublikum und zahlreichen Geldgebern die Türen vor der Nase zu.

Unterirdisch

Nach diesem Beben bleibt die Frage, ob die Venedig-Biennale sich in die Reihe jener im Zeichen von Begegnung und Verständigung gegründeten Kulturevents einreiht, die in der polarisierten Gegenwart einfach nicht mehr funktionieren. Ob die Vorstellung vom Künstler als Maulwurf, der gern Gänge abseits des Erwartbaren gräbt und gerade dadurch neue Wege aufzeigt, tatsächlich überholt ist. Und natürlich bleibt die Frage, welche Pfade man einschlagen soll, wenn man vorhat, die labyrinthische Veranstaltung selbst zu besuchen.

Der bei 98 Länderbeiträgen notgedrungen bruchstückhafte Eindruck ist, dass sich auch in der Kunstwelt Ratlosigkeit breitmacht: So manche Beiträge versuchen sich an großen Themen, perlen aber doch wie Wassertropfen daran ab – wobei Florentina Holzingers „Seaworld Venice“ allein schon durch die Wucht des Wasserstrahls mehr Durchschlagskraft hat als andere, die sich auch mit dem flüssigen Medium befassen.

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Polen zeigt etwa einen poetischen Film, in dem ein Chor in Gebärdensprache unter Wasser Walgesänge interpretiert. Rumäniens Beitrag versucht, ozeanografische Daten aus dem Schwarzen Meer in ein Gesamterlebnis aus Klang und Licht zu übersetzen, und im Kanadischen Pavillon wird die Luftfeuchtigkeit hoch gehalten, um über die Laufzeit der Schau ein Bassin voller Seerosen hochzuziehen.

Unter Wasser

Für Kunsterlebnisse, in die man mit allen Sinnen eintaucht, hat sich der Begriff „immersiv“ eingebürgert. Die Biennale Venedig hat diese Eintauchkunst vielleicht nicht erfunden, ihr aber doch seit jeher Plattformen geboten.

Viele Pavillons sind heuer immersiv und nutzen die gewachsenen technischen Möglichkeiten: Dänemark konfrontiert auf Rundum-Leinwänden mit künstlich aufgepeppten Körpern von Pornodarstellerinnen, in die man qua Kameraführung auf visuellem Weg, äh, eintaucht.

Auf Basis einer (tatsächlich publizierten) Studie, derzufolge ausgedehnter Pornokonsum die Spermienqualität erhöht, setzt der Beitrag zu einer überdrehten Vision einer technisierten Reproduktionsmedizin-Utopie an – das Spektakel überstrahlt aber den intellektuellen Unterbau.

Dass eine inhaltliche Ebene gar bemüht eingezogen wird, um sinnliche Reizkanonen zu legitimieren, ist ein gängiges Biennale-Problem. Es ist auch nicht verkehrt, einfach ein Gebilde aus Bambusstäben (Indien, im Arsenale) oder eine Computerspiel-Landschaft (China) zu durchwandern. 

Die Venedig-Biennale ist stets auch ein Ort, an dem unterschiedliche Kunstverständnisse aufeinanderprallen, und Machbarkeit und Atmosphärik überflügelt in manchen Kulturen eben die kritisch-intellektuelle Auseinandersetzung. Die Frage ist, ab wo sich eine von globalen Krisen gebeutelte Kunstschau durch die Hintertüre in eine unverfängliche Wohlfühloase verwandelt.

Unverfänglich

Die starke Präsenz arabischer Länder bringt heuer jedenfalls viel Ornamentik …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

  Österreich-Pavillon bei Kunstbiennale aus Anti-Israel-Protest zu

      

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