
In Blatten waren sie gewarnt. Vergangenes Jahr, als eine massive Gerölllawine ein ganzes Dorf in der Schweiz unter sich begrub, waren die Häuser leer. Geologen hatten früh genug Alarm geschlagen.
An der Grenze zwischen Nepal und Tibet konnten die Menschen nur laufen: Als am Mittwoch eine Sturzflut vom Himalaya herabstürzte, verschütteten die Gesteins- und Wassermassen ganze Orte, damit hunderte Menschen. Das Ausmaß der Katastrophe war deutlich größer: „Die Masse, die in Nepal heruntergekommen ist, wird auf 40 bis 100 Millionen Kubikmeter geschätzt. In Blatten hatten wir es mit einem Zehntel jener Masse zu tun“, sagt Ugur Özturk, der an der Universität Wien zu Erdrutschen forscht – die Katastrophe ist wohl die größte je gemessene Massenbewegung in der jüngeren Geschichte.
Die Folgen für die Menschen dort sind katastrophal. Mehr als 500 Todesopfer sind derzeit bestätigt, 1.400 Menschen werden noch vermisst. Gebannt ist die Gefahr dazu noch lange nicht: An einer Flussmündung habe sich ein Stausee gebildet, heiß es von Seiten Chinas, zeitweise wurden deshalb auch die Rettungsarbeiten gestoppt. Dazu wird in den kommenden Tagen Regen erwartet. Eine zweite Sturzflut sei dadurch möglich.
Kein Erdbeben
Özturk ist einer von vielen Experten weltweit, die die Geschehnisse in Nepal mit Sorge beobachten. Nach drei Tagen wird langsam klar, was die Katastrophe ausgelöst hat: „Ursache war ein gewaltiger Felssturz im Himalaya, der große Teile von Eis und Gletscher mitgerissen hat“, sagt der Forscher. „Die Gesteinsbrocken sind riesig, teils zigmal so groß wie ein Mensch. Dadurch führte die Reibungswärme zu einem schnellen Abschmelzen der Eismassen, sodass sich die massive Sturzflut bildete.“
Der Felssturz im Gletschergebiet selbst habe nur 45 Sekunden gedauert. „Ausgelöst wurde er nicht von einem Erdbeben, wie zunächst vermutet wurde, sondern die Gesteinsbewegungen selbst waren für die seismische Aktivität verantwortlich – 5,2 auf der Richterskala“, sagt Özturk.
„Viel öfter große, komplexe Katastrophen“
Mitverantwortlich für solche Ereignisse seien jedenfalls die wärmeren Temperaturen. „Der Klimawandel beeinflusst unmittelbar die Gefahr von Erdrutschen und Felsstürzen. Wir beobachten viel öfter große, komplexe Katastrophen, 2021 in Chamoli in Indien, vergangenes Jahr in Blatten, jetzt in Nepal.“ Auch in der Schweizer Gemeinde Randa wurde jetzt die Alarmstufe nun erhöht, nachdem es am Montag zu drei Gletscherabbrüchen gekommen war; Wander- und Radfahrwege sind bereits gesperrt.
Laut Öztürk sind die wärmeren Temperaturen daran maßgeblich beteiligt. „Die Gletschermassen halten zum Teil das Gestein zusammen, durch das Abschmelzen und das Abtauen kommen die Massen leichter in Bewegung. Auch das Areal, wo sich ein Erdrutsch oder Felssturz ereignen kann, wird wegen des Gletscherschwunds größer.“ Die Folge daraus sind häufigere Katastrophen: „Derartige Ereignisse passieren wegen der Erderwärmung immer öfter, das stimmt auf jeden Fall.“
„Gletscher hierzulande ziehen sich sehr schnell zurück“
Auch in Österreich sei ein solches Unglück möglich, „das kann genauso passieren, denn die Gletscher hierzulande ziehen sich sehr schnell zurück“, sagt Öztürk. Aber er schränkt ein: „Das Ausmaß wäre wahrscheinlich deutlich geringer.“
Dazu kommt, dass Forschung und Warnsysteme in Europa deutlich ausgebauter sind als in Nepal. Das Land kann es sich nicht leisten, großflächig Sensoren zur Frühwarnung anzubringen; der 30-Millionen-Einwohner-Staat ist wirtschaftlich schwach aufgestellt und politisch instabil, Österreichs Wirtschaftsleistung ist pro Kopf ganze 41–mal höher. Die …read more
Source:: Kurier.at – Politik



