„Merlin“ im Akademietheater: Vom roten Ritter bleibt nur Hirnbrei

Kultur

Man kennt das, wenn man nach der Ferienreise zurück ist und wieder ins Büro muss: Die Erholung hält so zirka zwei bis drei Stunden, dann ist man wieder urlaubsreif.

Ein derartiges Gefühl macht sich nach ungefähr zweieinhalb Stunden bei „Merlin oder Das wüste Land“ auch breit. Frischen Eifers und noch locker gestimmt von Sommertheaterpetitessen startete man also in die reguläre Spielzeit im Akademietheater. Und bekam mit der Tankred-Dorst-Inszenierung von Antú Romero Nunes dort gleich eine ganz schön herbe Arbeitsaufgabe umgehängt: eine Artussagen-Variation auf Mittelhochdeutsch zwischen Publikumsanimation, Slapstick, Michael-Maertens-Verzweiflung an allem und einer ganz schön grauslichen Fingerabschleckszene.

Auf der Bühne: eine multifunktionale Theatervorlage, zugleich ein wahnsinnig tolles Schauspielererlebnis, ein Abgesang auf Utopievorstellungen in den Tag des AfD-Wahlsieges in Sachsen-Anhalt hinein, eine Zuhörherausforderung, ein riesiger Gesamtwitz mit ganz viel Ernst.

Aus diesem Baukasten konnte man sich seinen Theaterabend erarbeiten: Man konnte gemeinsam mit dem Teufel mit fiktivem Riesenpenis (Marie-Luise Stockinger) laute Chaosschreie ausstoßen (wann darf man das schon im Theater!).

Mit Merlin (Sarah Viktoria Frick) am Schluss daran verzweifeln, dass die Menschen mit ihren großen Gedanken eh den Kürzeren ziehen, wenn das Schicksal gerade deppert ist.

Man konnte mit König Artus (Maertens in Leggings und Langhaarperücke) einen großen runden Tisch kaufen, damit die Tafelrunde zusammenfinden kann (blöd ist nur, dass der auch durch die Tür passen muss). Oder auch mit Sir Galahad (Rebecca Lindauer) sterben, wieder auferstehen, den Gral finden und dann draufkommen, dass der lang gesuchte Kelch ein Mobiltelefon ist, bei dem noch dazu gleich jemand anruft, mit dem man nicht reden will.

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Schutzlos

Die erste Akademietheaterpremiere der Saison ist ein hyperaktiver Abend, der auf gerader Strecke permanent den Gang wechselt und zugleich auf hoher Drehzahl leerläuft. Die Artussage wird hier als großes Weltentheater und kleines Menschenstück erzählt, als ein grelles Märchen vom Traum von einer besseren Welt. Schutzlos sind alle Menschlein (auch die, die gerne große Ritter spielen) höheren Mächten ausgeliefert. Die aber sind selbst mindestens so bizarr wie der Gedanke, dass man die Menschen auf Erden zum Glück bringen kann. Der Liebe (eine Erscheinung: Michael Wächter) ist es nämlich wirklich egal, wo sie hinfällt. Der Teufel treibt sein zerstörerisches Grinsespiel, weil es sonst fad wäre. Und die nächste Generation an Menschenkindern findet das, was die Alten so träumten, eh nur peinlich.

Das Ganze fängt schon an, wenn man ins Theater geht: Ein Ritter in roter Rüstung steht beim Eingang rum, es ist – Vorsicht, Kalauer! – Sir Itter. Von dem sieht man später nur noch einen Batzen Hirn, der aus dem roten Helm auf die Bühne fällt. Parzival (Bruno Cathomas) hat es ihm aus dem Schädel gehaut.

Dieser reine Tor war aber eher aus den „Rittern der Kokosnuss“ als aus dem Wagner-Werk ausgeborgt; überhaupt denkt man zuweilen auf ganz gute Art an Monty Python. Mordred und Lancelot (Lilith Häßle) reiten auch auf eingebildeten Pferden durch die Landschaft. Dass der Sprachsound permanent an den „Jedermann“ erinnert, macht dann auch gleich den ganzen schwierigen Rezeptionsspagat des Abends auf.

Abgang

Fünfzehn Stunden würde die Dorst-Textmasse im Ganzen in Anspruch nehmen, dreieinhalb sind es geworden, immer noch um ein gutes Stück zu lang. Als …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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