
von Susanne Zobl
Um 22 Uhr müsse Schluss sein, erklärt Regisseur Nicolas Stemann, der auch die Funktion eines Moderators bei Elfriede Jelineks Stück „Unter Tieren“ übernommen hat. Die Aufführung im Burgtheater endete bereits nach etwas mehr als 3 ½ Stunden, also knapp nach 21.30 Uhr. Das Licht im Saal ging trotzdem noch lange nicht aus. Denn das Publikum wollte nicht aufhören, diese denkwürdige Produktion und dieses furiose Ensemble zu feiern.
Den Triumph verdankt das koproduzierende Burgtheater Markus Hinterhäuser, der als Intendant der Salzburger Festspiele die Uraufführung dieses Stücks für deren gerade zu Ende gegangene Ausgabe initiiert hat, bevor er im Frühjahr aus dem Amt scheiden musste.
Die Literaturnobelpreisträgerin verschmilzt ihre Satire auf die Finanzwelt mit ihrer Solidarität mit leidenden Tieren in verstörend starken Passagen. Wer von Börsen, Aktien, Märkten und was sonst noch alles im Kosmos „Kapital“ vorkommt, keine Ahnung hat, wird das durch diese Aufführung nicht ändern, aber darauf kommt es nicht an. Bei Jelinek steht die Musikalität ihres Texts im Vordergrund. Wie nach dem in der Musik gebräuchlichem Muster „Thema & Variationen“ verwandelt diese Schriftstellerin eine total trockene Materie hier zu etwas, das man als Sonatensammlung aus Sprache beschreiben könnte.
Das furios besetzte Ensemble (Caroline Peters, Mavie Hörbiger, Azaria Dowuona-Hammond, Thiemo Strutzenberger, Sebastian Rudolph, Inge Maux, Branko Samarovski) agiert immer wieder mit zauberhaften Tiermasken (Kostüme: Marysol des Castillo) wie eine Kammermusikformation. Die meisten Passagen dieses Textes werden gelesen, die Seiten fungieren wie Notenblätter.
Stemann, der seit 20 Jahren Jelineks Texte auf die Bühne bringt, findet die Balance zwischen Satire und Schmerz. In die Monologe der einzelnen Tiere über das Kapital setzt er verblüffende Einsprengsel, die nicht von Jelinek sind. Wie etwa ein Exkurs über Gewinn am Beispiel eines Brotlaibs, den Sebastian Rudolph als weißer Hase brillant-amüsant vorträgt. Wie Stemann die Passagen über das Leid von Tieren in gleich mehreren Varianten (auch mit Stoffschweinen) bewegend in Szene setzt, rührt zu Tränen.
Verstörend leiht Caroline Peters einer gequälten Kuh ihre Stimme. Den Monolog des Fuchses illustriert Stemann mit der Projektion von Flammen und zwei unerbittlichen Jägern in Lederhosen. Pure Beklemmung löst der Auftritt einer Blasmusikkapelle aus. Thomas Kürstner und Sebastian Vogel sorgen für den übrigen Begleitsound. Mittels KI wird auf die gescheiterte Festwochen-Aktion um den Tech-Milliardär Peter Thiel verwiesen. Das hat Witz. Wenn die KI das Stück eine zeitlang fortsetzt, hebt das die Seelenlosigkeit der Technikwelt hervor. Der einzige Einwand gilt dem Durchspielen ohne Pause. Die Türen blieben offen, das ständige Kommen und Gehen, das nach zwei Stunden einsetzte, nahm viel von der Spannung.
Source:: Kurier.at – Kultur



